Hans Harrer ist Vorstandsvorsitzender des Senats der Wirtschaft.
Hans Harrer ist Vorstandsvorsitzender des Senats der Wirtschaft.

Die neue Regierung - sie ist ja erst einige Monate im Amt - hat ambitioniert einige Reformen auf den Weg gebracht. Reformen, über die Jahre, wenn nicht Jahrzehnte lang diskutiert wurde, die aber stets unvollendet geblieben sind, wurden angepackt und umgesetzt. Dass man vom politischen Gegner dafür nicht gelobt wird, ist verständlich, zumal dieser über Jahrzehnte den Kanzler und den Sozialminister gestellt hat und an der Umsetzung gescheitert ist. Was sich derzeit in der Frage eines möglichen zeitweisen 12-Stunden-Arbeitstages abspielt, hat aber nichts mehr mit Oppositions- oder Arbeitnehmerpolitik zu tun, das ist nur noch Klassenkampfrhetorik des vorigen Jahrhunderts. Dass die Sozialpartner noch von der vergangenen Regierung aufgefordert wurden, eine Einigung über eine flexiblere Arbeitszeit zu erzielen, wird vergessen. Man will gar nicht erinnert werden, dass man nach sechs Monaten Verhandlungszeit kläglich gescheitert ist. Aber nicht, weil man sich nicht hätte einigen können - denn dies erfolgte angeblich auf Präsidentenebene -, sondern weil die Gewerkschaft zu guter Letzt mit so überhöhten Forderungen kam, dass die Wirtschaftskammer die Reißleine ziehen musste, um die Unternehmen nicht zu gefährden. Wann soll sich Österreich denn zukunftsfähig aufstellen, wenn nicht jetzt, wo wir doch nachweislich wegen mangelnder Arbeitszeitflexibilisierung einen Standortnachteil hinnehmen müssen?

In ganz Europa ist mehrheitlich ein 12-Stunden-Arbeitstag möglich, in manchen nordischen Staaten sogar 13 Stunden - in jenen Ländern also, die uns als Sozialparadiese vorgehalten werden. Haben die keine Arbeitnehmervertreter? Werden dort alle Arbeitnehmer nachweislich öfter krank? Nein, denn dort verstehen auch die Gewerkschaften, dass man heute in der flexiblen, digitalisierten Welt, die auf Just-in-time-Lieferung angewiesen ist, eben etwas flexibler sein muss als noch vor 30 Jahren. Fühlen sich jene, die in Österreich seit Jahr und Tag 12 Stunden arbeiten, wie etwa Krankenschwestern, deshalb ausgebeutet und sind permanent krank? Mitnichten, sie begrüßen die Möglichkeit, zu anderen Zeiten mehr Freizeit zu haben. Ob das besser hätte kommuniziert werden sollen? Schon möglich, aber der ausgerufene Klassenkampf ist absurd. Ja, es gibt Menschen, die das alles nicht wollen, die nur ihre acht Stunden abspulen wollen. Die meisten Arbeitnehmer verstehen aber sehr genau, dass ihr Unternehmen nur prosperieren und somit ihr Gehalt zahlen kann, wenn Aufträge zeitgerecht abgearbeitet beziehungsweise Kunden serviciert werden.

Niemand verlangt einen generellen 12-Stunden-Arbeitstag. Österreich liegt mit der neuen Regelung im EU-
Mittelfeld. Neben der Kampfrhetorik sind zusätzliche Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung, sechster Urlaubswoche und Nachholen von Feiertagen, die auf einen Sonntag fallen, wie sie die neue Gewerkschaftsspitze nun proklamiert, nicht nachvollziehbar und europaweit wohl einzigartig. Wir brauchen eine Politik der Zukunft und keine, die die Vergangenheit konserviert. Nicht die "Alten", sondern die Jungen brauchen ihre Chance. Kehren wir zurück zur Sprache der Vernunft und verstehen wir doch endlich: Wirtschaft sind wir alle.