Interessanterweise sind Menschen aber gerne bereit, mehr zu arbeiten, wenn die Arbeit als sinnstiftend erfahren wird und die Perspektive eine positive ist. Viele sind dazu bereit, entsprechend viel zu arbeiten, wenn damit ihr Leben und auch das ihrer Kinder besser wird. Unter diesem Aspekt erscheint eine Ausweitung der Arbeitszeit "gerecht", da dieser eine Verbesserung der Lebenssituation gegenübersteht.

Derzeit ist die Situation aber eine andere - es muss mehr gearbeitet werden, damit es nicht sehr viel schlechter wird. So erscheint vielen eine Verlängerung der Arbeitszeit auf 12 Stunden als ungerecht, da mit der Mehranstrengung und dem Verlust an autonomer Lebenszeit keine entsprechende Kompensation einhergeht. Und auch vor allem deshalb war die Bundesregierung in der parlamentarischen Debatte wohl so bemüht zu betonen, dass die Arbeit über 10 Stunden hinaus freiwillig ist und es dafür Überstundenzuschläge oder zumindest längere Freizeiträume gibt. Damit sollte die Mehrleistung im Interesse der Arbeitgeber "gerecht" abgegolten werden.

Arbeitnehmer sollen Länge
der Arbeitszeit mitbestimmen

Eine angemessene Berücksichtigung sieht nach meinem Verständnis freilich anders aus: Da die 11. und 12. Stunde ungleich belastender sind als die Stunden davor, müsste der Zuschlag dafür erhöht werden (zumindest auf 75 Prozent). Und es müssten, um echte Autonomie zu gewährleisten, die Arbeitenden ein Recht darauf haben, bis zu 12 Stunden zu arbeiten, wenn sie es möchten - und die Arbeitgeber könnten dies nur dann ablehnen, wenn tatsächlich betriebliche Gründe gegen eine überlange Arbeitszeit sprächen. Dann wäre ein 12-Stunden-Arbeitstag tatsächlich gerecht, da gewährleistet würde, dass die Ausweitung der Arbeitszeit nicht nur im Interesse der Arbeitgeber liegt. Sie könnten dann länger arbeiten, wenn sie das tatsächlich wollen, und würden dann auch entsprechend ihrer Belastung entlohnt werden.

Die Dauer der Arbeitszeit hat darüber hinaus auch einen kollektiven/sozialen Aspekt, der die unterschiedliche Verteilung selbstbestimmter Zeit in einer Gesellschaft zwischen den einzelnen Mitgliedern problematisiert: Ist es gerecht, wenn jemand den ganzen Tag zur freien Verfügung hat und andere sich rund um die Uhr abarbeiten? Es geht dabei um die Frage der Rechtfertigung, warum jemand nicht arbeiten muss: Weil er so reich ist; weil er keine Arbeit findet beziehungsweise weil wir gar nicht möchten, dass bestimmte Personen arbeiten; weil es Sorgepflichten oder andere Gründe gibt (zum Beispiel eine Behinderung), die es gerechtfertigt erscheinen lassen, dass keiner Erwerbsarbeit nachgegangen wird. Es geht letztlich darum, wer arbeiten muss im Sinne davon, dass Lebenszeit verkauft wird, damit Einkommen erwirtschaftet wird, von dem dann gelebt wird. Und wer das eben nicht tun muss.

Es zeigt sich somit, dass die Regulierung der Arbeitszeit eng mit Fragen der gerechten Verteilung von selbstbestimmter Lebenszeit innerhalb einer Gesellschaft verbunden ist. Sie ist ein Indikator dafür, mit wie vielen Stunden Erwerbsarbeit ein Einkommen erzielt werden soll, mit dem ein Auskommen gefunden werden kann. Sind das maximal 10 Stunden, dann bleiben 14 Stunden zur mehr oder weniger freien Verfügung - bei 12 Stunden sind es 2 Stunden weniger.