Diesen großen Herausforderungen stellte sich die FPÖ, um allen Leistungsträgern der Gesellschaft "gerecht" zu werden: Arbeitnehmern wie Arbeitgebern, alleinerziehenden Müttern wie traditionellen Familien, Senioren wie auch der nächsten Generation. Dazu half mehr Präzision im Sprachgebrauch: Der Begriff "Gerechtigkeit" muss vom Begriff der "Verteilung" getrennt werden. In der Praxis sind politische Korrekturen nötig:

1. Das Verhältnis zwischen Produktivität und sozialem Engagement muss wieder zurechtgerückt werden. Denn langfristig können wir soziale Verantwortung nur dann übernehmen, wenn die nötigen Mittel vorhanden sind.

a) Das bedeutet Reformen im Sozialsystem (weit mehr als 50 Prozent des Budgets fließen in die Bereiche Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familien).

b) Arbeit muss sich wieder lohnen, sowohl für Angestellte als auch für Selbständige und Unternehmer. Arbeit ist keine Zumutung. Leistungsgerechtigkeit bedeutet, dass sich Leistung rentiert, dass es einen Anreiz gibt, Leistung zu erbringen. In den 1960ern war es für jeden möglich, "sein Einfamilienhaus" zu erarbeiten. Die Politik kann das unterstützen, indem Arbeits- und Wirtschaftsstandortsicherung durch weitere Reformen (Entbürokratisierung oder Lohnnebenkostensenkung) aktiv betrieben wird.

c) Recht und Rechtsempfinden unterliegen dem Wandel der Zeit. Die Politik hat die Aufgabe, dem Rechnung zu tragen, beispielsweise durch "liquid democracy", die Auflösung alter Strukturen, die nicht mehr funktionieren.

2. Verantwortungsvolle Fiskalpolitik.

Es gibt keine Gleichheit -
alle sind unterschiedlich

Wenn all das umgesetzt ist, bleibt dennoch die Diskrepanz zwischen Gerechtigkeit und Gerechtigkeitsempfinden. Eigentlich dem Empfinden der Ungerechtigkeit, das aus Ungleichheit resultiert. Das hässliche Gesicht des Neids, das mit etwas gutem Willen das nicht unattraktive Gesicht des Ehrgeizes wird. Rule of Law, die Rechtsstaatlichkeit, der kleinste gemeinsame Nenner, ist die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft. Sowohl in philosophischen Betrachtungen Hayeks als auch in der Auseinandersetzung mit aktuellen ökonomischen oder wirtschaftlichen Problemen muss man erkennen, dass es keine Gleichheit gibt. Natürlich müssen für alle gleiche Rechtsvoraussetzungen da sein, aber wir sind alle - Gott sei Dank - unterschiedlich. Eigenverantwortung, Leistungsprinzip und Wettbewerb, der auf Basis der gemeinsamen Grundregeln geführt wird, lassen ein Gemeinwesen prosperieren. Gerechtigkeit in dem falsch verstandenen Sinn von Gleichheit trägt dazu nicht bei. Wir haben alle unterschiedliche Voraussetzungen, unterschiedliche Talente, die Idee, dass wir alle gleich sind, dieselben Wünsche und Bedürfnisse haben, ist eine sehr naive. Wir haben alle unterschiedliche Voraussetzungen und unterschiedliche Möglichkeiten und unterschiedliche Ansprüche. Wichtig ist der gleiche Zugang zu den sich bietenden Möglichkeiten, gleiches Recht für alle.