Dass wir einander immer bessere Lebenschancen für ein selbstbestimmtes Leben gewährleisten, ist die liberale Vorstellung von Fortschritt, die der liberale Soziologe und einstige EG-Kommissar Lord Ralf Dahrendorf - übrigens auch als Freund ein Kritiker von Friedrich August von Hayek, dessen Schriften heuer leider für so viel ressentimentgetriebene Egoisten-Politik missbraucht werden - 1979 zum ersten Mal vorgeschlagen hat. Im gleichen Jahr brachte auch der liberale Ökonom und spätere Nobelpreisträger Amartya Sen sein verwandtes Konzept der "Verwirklichungschancen" auf den Weg, das er zusammen mit der Moralphilosophin Martha Nussbaum als "Capability Approach" zur Reife brachte. Dieser Ansatz ist heute Grundlage sowohl des Index der menschlichen Entwicklung als auch des Index der mehrdimensionalen Armut geworden, der wichtigsten Sozialberichte der Vereinten Nationen.

Gerechtigkeit ist dann die Fairness, jeden Menschen gleichermaßen zu befähigen, sich seinen Bedürfnissen, Potenzialen und Leistungen entsprechend in einer freien Gesellschaft frei entfalten zu können. Nicht "Chancengleichheit am Start", die entweder Illusion bleibt oder Diktatur der Nivellierung ist - sondern Chancengerechtigkeit, ein Leben lang, mit zweiten, dritten und vierten Chancen.

Schon um dieser fairen Lebenschancen willen ist Gerechtigkeitspolitik für Liberale so viel mehr als Sozialpolitik. Rechtsstaatspolitiker sorgen für Gerechtigkeit mit einer Rahmenordnung, die klares, einfaches, verlässliches und gleiches Recht für jeden gewährleistet - gegen Privilegien oder Pfründe für Lobbyisten, Reiche und Funktionäre. Bildungspolitiker setzen das liberale Bürgerrecht auf Bildung durch, denn eine gut ausgebildete Urteilskraft hilft, Chancen für ein selbstbestimmtes Leben zu nutzen und die Lotterie der Geburt als Schicksalsfrage zu überwinden. Die eigenen Talente, Fähigkeiten und Qualifikationen das ganze Leben über auszubauen und weiterzuentwickeln bietet die beste Gewähr, Teilhabe am Arbeitsleben dauerhaft zu gewährleisten und materiell unbefriedigende Lebenslagen durch Aufstieg zu überwinden.

Für die lebenslange Eröffnung dieser Chancen sind aus liberaler Sicht gerade Unternehmen und stärker als bisher auch die Wirtschaftspolitiker verantwortlich. Wir brauchen wirtschaftlichen Wohlstand als Basis des sozialen Friedens; Einstiegs-, Ausbildungs- und Umstiegschancen auf dem Arbeitsmarkt; und Bedingungen, in denen Unternehmen selbstverständlich ihren Beitrag zu einer freien Gesellschaft leisten: faire Behandlung und leistungsgerechte Bezahlung der Arbeitnehmerschaft, Verantwortung für partnerschaftliche Beiträge zum Gemeinwohl und Innovationen für nachhaltige Produkte und Geschäftsmodelle. Das Wettbewerbs- und Leistungsprinzip verhindert, dass gesellschaftliche Positionen nach Herkunft, Gesinnung oder Geschlecht vergeben werden. Gerade mit Blick auf die Teilhabe von Frauen an Führungspositionen und die Integration von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ist dieses gesellschaftspolitische Ideal der Aufstiegschancen noch nicht verwirklicht.

Menschen mit Neid, Egoismus und Angst klein machen

In einer Zeit, in der Politiker Menschen wieder gerne mit Neid, Egoismus und Angst klein machen und ins Kollektiv schicken wollen, müssen Liberale in zwei weiteren Feldern Antworten geben, die Menschen wieder groß machen. Erstens: öffentliche Infrastruktur - Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft gleichberechtigt aufeinandertreffen, wo die Teilhabe an der gemeinsamen Res Publica erfahrbar wird.

Und zweitens: ein Ethos von Freisinn und Fairness. Freisinn umfasst als Liebe zur Freiheit der Einzelnen nicht nur Freude an der eigenen Selbstwirksamkeit, sondern auch die Achtung vor der Freiheit anderer und gemeinsinnige Verpflichtung auf die Freiheit aller. Wo wir Fairness vorleben, setzen wir Integrität, Regeltreue und Partnerschaft vor den eigenen Vorteil. Ohne diese Prioritäten vergeht die liberale Republik!

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