Die Angst vor dem
berühmten Zitat


Etwas komplexer ist die Lage beim gesprochenen Wort. Hier besteht ein viel größeres Reservoir an verwendbaren Stoffen und als Rohmaterial brauchbaren Texten. Der Überdruss macht sich allerdings auch hier bemerkbar - namentlich die Angst vor dem bekannten, sprichwörtlich gewordenen Zitat. Frühere Generationen mögen stolz den halben "Büchmann" auswendig gelernt und darin einen Beleg ihrer Bildung gesehen haben, von "Sein oder Nichtsein" bis "Habe nun ach . . ." - den aktuellen Bühnenprofis aber graut sichtlich vor der allzu leichten Verfügbarkeit des berühmten Wortes. Solche allzu bekannten Stellen werden heute gerne "eingeebnet", sprich vernuschelt oder sogar gestrichen. Dabei wird allerdings übersehen beziehungsweise verdrängt, dass die altertümliche Sprache solcher Formulierungen auch eine gewisse Würdesphäre schafft. Sie sind Teil der "zauberischen" Wirkung des Theaters, die auch heute noch oftmals ganz junge Menschen erfasst. Hier besteht eine Parallele zur Sprachmagie mancher Gebete, die eine Abkehr und Modernisierung so problematisch macht - von der altertümlichen King-James-Version der Bibel mit ihrem "Thou" und "Thy" bis zu den "Gebenedeiten Weibern" des Rosenkranzes.

Natürlich kann man den großen Faust-Monolog auch so beginnen lassen: "Also, was soll ich Ihnen sagen: Ich habe mich auf allen Fakultäten herumgetrieben, auf wirklich allen, leider auch auf der Theologie. Und was ist dabei herausgekommen? Nichts. Außer blöden Titeln." Und ein in Richtung Wiener Dialekt entschärftes Hamlet-Zitat könnte lauten: "Soll i mi hamdrahn oda soll i ned?" Aber wer wollte behaupten, eine solche Modernisierung in die Richtung eines heutigen Sprachgebrauchs liefe zwangsläufig auf eine Verbesserung hinaus?

Die richtigen Fragen - ohne überzeugende Antworten


Am 24. Juli 2009 hielt der angesehene Autor Daniel Kehlmann, übrigens ebenfalls bei den Festspielen Salzburg, eine sehr persönlich gehaltene Rede, in der er sich kritisch mit dem Phänomen des Regietheaters auseinandersetzte. Er berichtete, wie sein Vater Michael Kehlmann, ein hochangesehener Regisseur, der sich explizit als "Diener des Werks" verstand, plötzlich außer Mode geriet - und daran zerbrach.

Daniel Kehlmann stellte in diesem Zusammenhang die Frage, wie es denn dazu kommen konnte, dass die deutschsprachige Theaterszene für Russen, Polen, Skandinavier und Engländer so unbegreiflich sei. ("Was denn das alles solle, fragen sie, ... wozu all das Gezucke und routinert hysterische Geschrei. Warum sei immer irgendwer mit irgendwas beschmiert . . ."). Kehlmann stellte die richtigen Fragen - aber er lieferte eigentlich keine überzeugenden Antworten.