Schaden allzu beliebte Stücke der Subventionierung?


Der brillante Journalist und leider allzu früh verstorbene Opernregisseur Paul Flieder, ein Schüler Walter Felsensteins und Harry Kupfers, hatte seine eigene Sicht betreffend das Regietheater, eine Sicht, die er aber nur zu vorgerückter Stunde und mit großer Vorsicht zu erläutern bereit war. Ja, er gebe zu, es bestehe aktuell die Tendenz, am Theater gegen den Geschmack des Publikums zu inszenieren und so laufend Theaterskandale oder zumindest Skandälchen zu produzieren. Das sei aber nur auf der Basis des mitteleuropäischen Subventionstheaters möglich. Die (heute bereits angejahrten) 1968er-Repräsentanten des Deutschen Bühnenvereins seien nämlich gar nicht interessiert an sowohl qualitätsvollen als auch bei Publikum und Kritik beliebten Inszenierungen.

Käme es nämlich häufiger zu solchen, so würden sie einen überdurchschnittlich hohen finanziellen Deckungsgrad erzielen. Dieses wieder wäre dem Begehren nach hohen Subventionen abträglich. Die subventionierenden Behörden könnten nämlich günstige Besucherstatistiken als Argument nutzen, um die finanzielle Unterstützung zurückzufahren. Flieder pflegte mit bitterer Ironie zu scherzen: "Jetzt habe ich schon wieder eine Regie gemacht, die bei Publikum und Kritik gut angekommen ist. Damit habe ich mir sicher sehr geschadet." Er hat sich natürlich gehütet, diese Auffassung zu publizieren. Aber er pflegte auch darauf zu verweisen, dass bei Bearbeitungen von eigentlich gemeinfreien Klassikern in der Regel Bearbeitungshonorare anfallen.

Im Musical gibt es
kein Regietheater


Hier sei eine Vorhersage gewagt: Nur wenn es zu einer "populistischen" Wieder-Annäherung des in eine anti-volkstümliche, elitäre Richtung abgebogenen Opernbetriebs kommt, ist vielleicht mit einer Repopularisierung des Genres zu rechnen. Anzeichen dafür sind vorhanden. In Italien, wo die Verbindung von Arie und Gassenhauer nie ganz abgerissen ist, werden Lucio Dallas "Caruso" und Francesco Sartoris "Con te partirò" ("Time to Say Goodbye") gerne auch von Operntenören vorgetragen, und Puccinis "Nessun dorma" gesungen von Paul Potts grüßt gleichsam von der anderen Seite (die Nähe zum Schlager wurde Puccini ja seitens der "Avancierten" immer schon vorgeworfen).

Die lebendigste Form modernen Musiktheaters ist übrigens, ob es uns passt oder nicht, wahrscheinlich das Musical, und da gibt es keine regietheatralischen Spielereien, da werden Modellinszenierungen international verbreitet nach der Art von Markenartikeln. Wie immer also auch der Disput um Regietheater versus Werktreue ausgehen wird, er dürfte von künftigen Musiksoziologen als historisch eher unerheblich eingestuft werden.

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