Dazu kommt die Fortführung kolonialer Strukturen. Multinationale Konzerne beuten Afrikas Rohstoffe billig aus, und dafür brauchen sie willige Potentaten, die an der Ausbeutung beteiligt werden. Ziegler spricht von der "Abschöpfung staatlichen Mehrwerts" - man könnte es auch Kleptokratie oder Feudalrente nennen. Einige Beispiele: Guinea verfügt über ein Drittel der Bauxit-Reserven des Planeten, beim UNDP-Human-Development-Index (HDI) liegt das Land jedoch an 182. Stelle von 188 Staaten. Niger rangiert gar an vorletzter Stelle in diesem Entwicklungsranking, trotz des zweitgrößten Uranvorkommens weltweit. Nutznießer sind Konzerne und nationale Eliten. Bekannt sind die reichen Erdölvorkommen Nigerias (152. Stelle im HDI-Ranking). Die Erträge aus den Schürfrechten streicht - wie in Afrikas zweitgrößtem Ölproduzenten Angola (Rang 149) - die Führungsclique des Landes ein. Ein Skandal neben den ökologischen Zerstörungen durch den Ölmulti Shell, der den Umweltaktivisten und Literaturnobelpreisträger Ken Saro-Wiwa am Gewissen hat.

Geldflüsse aus den ärmsten Ländern unterbinden

Auch mit landwirtschaftliche Produkten kann man sich bereichern. Die Bauern im Senegal (Rang 170 im HDI) bekommen für ihre Erdnüsse ein Achtel des durchschnittlichen Weltmarktpreises. Staatliche Einrichtungen des Senegal kaufen die Erdnüsse auf und streichen den Mehrwert ein. Der Abbau von Coltan für unsere PCs und Handys sowie jener von Rohdiamanten, die trotz offizieller Kontrollen noch immer am Schwarzmarkt gehandelt werden, wären weitere Beispiele.

Ein Drittel der Bevölkerung in Afrika hungert. Zugleich gibt es laut "Forbes"-Magazin mittlerweile 26 Dollar-Milliardäre. Laut einer Studie der NGO Global Financial Integrity zu Korruption, Schmuggel, organisiertem Verbrechen und Steuerflucht sind durch anonyme Scheinfirmen, undurchsichtige Steuerparadiese und kommerzielle Geldwäsche allein im Jahr 2011 fast eine Billion Dollar aus den ärmsten Ländern der Welt geflossen. Die Unterbindung dieser Geldflüsse sowie die Abkehr von der Kooperation mit Diktatoren - auch wenn sie pseudodemokratisch gewählt sind - einschließlich der Unterbindung des Abzugs von Rohstoffprofiten durch Konzerne wäre ein wirksamer Weg, Entwicklung in Afrika zu unterstützen.

Strukturelle Änderungen statt Almosen der Entwicklungshilfe

Die Kritik am bisherigen System der Entwicklungshilfe wird lauter. Jason Hickel ("Tyrannei des Wachstums", 2018) von der London School of Economics fordert die Abkehr vom "Wohltätigkeitsparadigma": Statt Spenden für die Armen zu sammeln, Großzügigkeiten von Reichen durch diverse Stiftungen und Peanuts staatlicher Entwicklungshilfe brauche es politische Änderungen: faire Handelsbedingungen, die Beendigung der Subventionierung der Agrarexporte in die Länder des Südens, freien Zugang zu Wissen, was etwa eine Reform des Patentwesens bei Medikamenten und Saatgut erfordern würde, sowie die Abkehr von der Schuldknechtschaft. Angeregt werden Schuldenboykotte beziehungsweise der Abgleich mit den CO2-Klimaschulden der reichen Länder gegenüber den ärmeren.

Den Sinn von Entwicklungshilfe bezweifelt auch der Innsbrucker Wirtschaftshistoriker Josef Nussbaumer ("Hoffnungstropfen", 2017): Die größte Hilfe wäre es, wenn wir die armen Länder über weite Strecken in Ruhe ließen und nicht daran hinderten, was sie tun möchten. Die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen europäischer mit afrikanischen Staaten hätten Entwicklung eher behindert als gefördert, meint Klaus Schilder ("Die Freihandelsfalle", 2018) vom Bischöflichen Hilfswerk Misereor Berlin. Zu ungleich seien Chancen und Risiken verteilt, zu asymmetrisch die politischen Verhandlungsgewichte, zu übermächtig die europäischen Wirtschaftsinteressen.