Andre Reichel ist Professor für International Management & Sustainability an der International School of Management in Stuttgart und einer der zentralen Vordenker für betriebswirtschaftliche Perspektiven auf die Postwachstumsökonomie. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in wachstumsresilienten Geschäftsmodellen und den Erfolgsindikatoren der nächsten Ökonomie. - © ZvG
Andre Reichel ist Professor für International Management & Sustainability an der International School of Management in Stuttgart und einer der zentralen Vordenker für betriebswirtschaftliche Perspektiven auf die Postwachstumsökonomie. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in wachstumsresilienten Geschäftsmodellen und den Erfolgsindikatoren der nächsten Ökonomie. - © ZvG

Auf einmal ist sie da, die Stimme der Wissenschaft: Mehr als 250 Forscherinnen und Forscher aus ganz Europa fordern in einem offenen Brief die Europäische Union auf, die politische Fokussierung und Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum zu beenden. Ein starkes und - wie ich finde - richtiges Zeichen. Gilt doch gemeinhin die Gleichung: Erfolgreich wirtschaften = Wachstum. Das scheint heute beinahe ein Naturgesetz zu sein. Dabei hat die Ära nach dem Wachstum faktisch längst begonnen.

Seit der Weltwirtschaftskrise 2008 hat sich das jährliche globale Wachstum fast halbiert - von 4,5 bis 5 Prozent in den 1970er Jahren auf heute nur noch 2,3 bis 3 Prozent. Dieser Rückgang ist in allen Industrieländern zu beobachten, auch die boomende deutsche Wirtschaft wächst nur noch um 1 bis 2 Prozent jährlich. Einzelne Ausreißer ändern nichts am langfristigen Trend. Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts dürften die globalen Wachstumsraten wohl unter 1 Prozent sinken.

Verteilungsfragen lassen
sich nur politisch lösen

Die Art von Wachstum, die wir bisher kannten, hat viel von ihrer Problemlösungsrelevanz verloren, was zum Beispiel Einkommen und Lebensqualität angeht, gerade in den frühindustrialisierten Gesellschaften Europas. Gleichzeitig lassen sich Verteilungsfragen nur politisch lösen - und nicht einfach nur durch Wachstum. Die multiplen ökologischen Krisen weltweit werden durch Wachstum eher verschärft, und auch grünes Wachstum zur Entkopplung von Umweltverbrauch und Wirtschaftsleistung kann hier nur begrenzt helfen. Was ist jetzt also zu tun?

Die Forderung nach einer Sonderkommission des EU-Parlaments zu alternativen Postwachstumszukünften kann ein Schritt in die richtige Richtung sein. Zumindest hätte er symbolische Strahlkraft. Wirklich entscheidend ist aber eine Umkehr im Denken. Es braucht eine neue Offenheit in der Wachstumsdebatte abseits von Frontalpositionen. Eine ehrliche Postwachstumsdebatte setzt voraus, dass wir uns vom Wachstum, wie wir es bisher kannten, verabschieden und ihm eine Absage erteilen.

Eines ist mir dabei aber ganz wichtig: Wachstum als Negativbegriff zu verurteilen, ist sicher nicht der richtige Weg. Die Wachstumsgeschichte war immer auch verknüpft mit einer Fortschrittserzählung, mit dem Versprechen, dass es morgen besser sein wird als heute. Dies hat in der Vergangenheit eine große emanzipatorische Kraft entfaltet, und dieses Potenzial will ich nicht missen.

"Werte schöpfen": ökonomisch, ökologisch und sozial


Wenn es also um Postwachstumszukünfte geht, dann braucht es eine positive Perspektive auf Fortschritt. Das heißt, wir sollten den Blick nicht auf das Ende des Wachstums lenken, sondern vielmehr auf den Beginn einer Ära, die völlig neue, umfassendere Formen des Wachstums eröffnet. Das haben wir mit unserer Studie "Next Growth - Wachstum neu denken" getan. Dabei haben wir eine solche Perspektive aus Unternehmenssicht eingenommen.

Eine neue Fortschrittserzählung ist auch und gerade in Zeiten des Rechtspopulismus, Antiliberalismus und Antiglobalismus notwendig. Und nur mit neuen Indikatoren alleine wird sie nicht gelingen können. Umso wichtiger ist es daher, alternative Wohlstandsindikatoren aus einzelwirtschaftlicher Sicht zu betrachten - und sie zugleich mit einer emanzipatorischen Geschichte des guten Lebens für alle zu verknüpfen, inklusive der wirtschaftlichen Chancen, die dies für mutige Unternehmen eröffnet. Anstatt von Wohlstand, wie die Unterzeichnenden des Aufrufs, sprechen wir dann auch von Wertschöpfung im Sinne von "Werte schöpfen": ökonomisch, ökologisch und sozial.

Der Aufruf ist wichtig auf der politischen und makroökonomischen Ebene, um die Debatte um ein neues Verständnis von Wachstum und gutem Leben auf einem begrenzten Planeten nach vorn zu bringen. Doch die unternehmerische und mikroökonomische Ebene braucht auch eine Perspektive des "nächsten Wachstums". Denn klar ist: Von oben verordnet kann eine Wirtschaft jenseits des Wachstums nicht gelingen. Dazu braucht es mutige Unternehmer, aktive "Zivilkapitalisten" (im Sinne Wolf Lotters) und viel kreatives Zerstörertum von unten. Nur so können neue Geschäftsmodelle, neue Lebensstile, kurz: neue Erzählungen des Fortschritts von morgen geschaffen werden. Das ist die Welt des "Next Growth".

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