Nicht nur in Österreich hat über viele Jahrzehnte in der politisch engagierten Öffentlichkeit ein einfaches Axiom völlig unangefochten gegolten: Afrika ist arm, also ist es die Pflicht der Europäer, mit Geld zu helfen, und je mehr Geld, umso besser. Empathie und Nächstenliebe wurden durch diese einfache Gleichung scheinbar praktisch messbar: Je höher das Entwicklungshilfe-Budget eines Landes, umso höherwertiger erscheint es in moralischer Hinsicht.

Es gibt in der jüngeren Geschichte kaum ein anderes Konzept, das so spektakulär gescheitert ist wie dieses. Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten hunderte Milliarden an Entwicklungshilfe gen Afrika geflossen sind, hat sich dort an den trostlosen Lebensumständen großer Teile der Bevölkerung wenig bis nichts geändert. Das Konzept der Entwicklungshilfe gehört zu den größten gescheiterten Investitionen, die je getätigt wurden.

So wirklich sichtbar wurde das in Europa freilich erst seit 2015, als sich Menschenmassen aus den Zielländern der Entwicklungshilfe-Milliarden auf den Weg in die Herkunftsländer dieses Geldes machten. Deshalb ist Afrika jetzt plötzlich Mode auf der weltpolitischen Bühne: diese Woche im Rahmen der UNO-Vollversammlung in New York, im Dezember beim EU-Afrika-Gipfel in Wien und davor und danach bei zahlreichen Afrika-Trips europäischer Staatenlenker.

Der Grund dieser hektischen Aktivitäten ist natürlich nicht das plötzlich erwachte christliche Gewissen, sondern der politische Druck, die Völkerwanderung schon in den Ursprungsländern einzudämmen. Nun ist die Idee, die EU könne ernsthaft "die Fluchtursachen bekämpfen", recht größenwahnsinnig. Denn die wichtigsten Ursachen sind exzessives Bevölkerungswachstum und schlechte Regierungen - beides können nur die Afrikaner selbst und sonst niemand ändern.

Aber selbst eine leise Verbesserung wird voraussetzen, vor allem einmal die herkömmliche Entwicklungshilfe auf null zu reduzieren, wie das erst jüngst ein paar Dutzend hochkarätige deutsche Afrika-Kenner im "Bonner Aufruf" gefordert haben. Denn die vielen Milliarden haben bisher hauptsächlich Korruption angefacht, schlechte Regierungen an der Macht gehalten und längst notwendige Reformen verhindert. Entwicklungshilfe ist schon längst Teil des Problems und nicht der Lösung. Es wäre daher dringend geboten, sie zu liquidieren. "Afrika kann nicht seine bisherige Rolle als Empfänger von Almosen der Industrienationen beibehalten", sagt Paul Kagame, der Staatschef von Ruanda. Und hat damit recht.

Erfreulicherweise bewegt sich die EU derzeit schon ein Stück in diese Richtung. An die Stelle von milden Gaben, so zumindest die verbalen Bekenntnisse von Jean-Claude Juncker & Co, soll künftig die Förderung privatwirtschaftlicher Investitionen europäischer Unternehmen in Afrika treten, etwa in Form von staatlichen Garantien oder durch die Beseitigung von Handelsbarrieren.

All das wird ganz sicher nicht "die Fluchtursachen beseitigen", wer das behauptet, ist ein politischer Hütchenspieler. Aber es wäre zumindest der Abschied von einer riesigen Illusion, die hunderte Milliarden an westlichen Steuergeldern verschlungen und Afrika trotzdem zu keinem besseren Platz gemacht hat.