Die Überraschung war groß am Abend des 30. September. Bei den Balkan-Korrespondenten und Botschaftern in Skopje.* Bei der Brüsseler Elite, die angereist war, um die mittels "regime change" durch EU und USA im Vorjahr an die Macht gehievte Regierung in Skopje mediengerecht bis zuletzt zu unterstützen. Bei USA und Nato, die Mazedonien dringend als Aufmarschgebiet für die Einkreisung Russland zur Beherrschung des "eurasischen Schachbrettes" (Zitat Zbigniew Brzezinski) benötigen.

Beim - unverbindlichen - Referendum über das auf die Beilegung des Namensstreits abzielende mazedonisch-griechische Prespa-Abkommen blieben am vergangenen Sonntag fast zwei Drittel der Wahlberechtigten aus allen Lagern der Urne fern. Von den ethnisch mazedonischen Wählern war die Befolgung des Boykott-Aufrufes zu erwarten gewesen. Überraschend hingegen war die geringe Beteiligung der - ihren Politikern zufolge - pro EU und pro Nato orientierten albanisch-stämmigen Bevölkerung.

Das zeigt, dass einerseits die tatsächliche Größe dieser Bevölkerungsgruppe nicht mehr den Ergebnissen der (jüngsten) Volkszählung aus dem Jahr 2002 entspricht, andererseits die albanische Szene nicht mehr so homogen ihren politischen Vertretern folgen dürfte wie einst. Es geht aber nur vordergründig um den von Griechenland abgelehnten Staatsnamen der Republik Mazedonien. Neben der Änderung auf "Republik Nord-Mazedonien" sieht das Prespa-Abkommen insbesondere vor, den Begriff "mazedonisch" nur noch auf das Staatsgebiet Nord-Mazedoniens zu beziehen. "Mazedonien" umfasst aber geografisch ein viel größeres Gebiet als die heutige Republik, insbesondere das heutige Nord-Griechenland. Der Begriff "mazedonisch" als Bezeichnung für eine eigenständige Bevölkerung samt ihrer Sprache und Kultur, der sich in diesem Raum seit der Völkerwanderungszeit entwickelt hat, würde somit ausgelöscht. Das wird von vielen als kultureller Völkermord bezeichnet.


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Harald W. Kotschy war österreichischer Botschafter in Mazedonien. Alle
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Diese Neudefinition der mazedonischen Identität, Geschichte, Sprache und Kultur ist das eigentliche Ziel Griechenlands, da dann außerhalb von Nord-Mazedonien keine mazedonische Wohnbevölkerung, keine mazedonische Geschichte, Sprache und Kultur existieren. Damit ließe sich über die brutale griechische Annexion 1913 von Ägäis-Mazedonien mit seiner nichtgriechischen Mehrheitsbevölkerung (Türken, Bulgaren, Mazedonier) über die Zwangsgräzisierung bis zu Menschrechtsverletzungen bis heute ein für alle Mal das Tuch des Schweigens breiten. Ägäis-Mazedonien bekam überhaupt erst mit der Ansiedlung der kleinasiatischen Griechen aufgrund des Vertrages von Lausanne 1923 sein neu-hellenistisches Gepräge.

Ministerpräsident Zoran Zaev wird wohl die von USA und EU vorgegebene Linie weiter verfolgen. Der Ball liegt nun beim Parlament. Dort fehlen der Regierung etwa sechs Stimmen. Der Verdacht liegt nahe, dass diese "eingekauft" werden. Individuell oder elegant im Paket - durch ein Bündnis mit der Opposition VMRO, deren Führern dafür Straffreiheit in ihren Korruptionsverfahren zugesagt wird.