Zoltan Peter ist Soziologe, derzeit leitet er das Projekt "Toleranzkompass Jugendliche", und gemeinsam mit L&R Sozialforschung sowie dem Institut für Soziologie in Wien das Projekt "Integrationsthema Toleranz". - © privat
Zoltan Peter ist Soziologe, derzeit leitet er das Projekt "Toleranzkompass Jugendliche", und gemeinsam mit L&R Sozialforschung sowie dem Institut für Soziologie in Wien das Projekt "Integrationsthema Toleranz". - © privat

Die Debatten über muslimische Jugendliche nehmen scheinbar kein Ende, und das ist an sich nichts Schlechtes. Denn bevor man irgendetwas in ihrem Leben übereilig verbietet, was man vielleicht später bereut, sollte man sich zuvor gründlich und verlässlich informiert beziehungsweise eine ausgiebig und breit angelegte Debatte geführt haben.

Das mag zwar wie eine Binsenweisheit klingen, doch kein Weg führt daran vorbei, sofern eine angemessene und verallgemeinerbare Regelung einer komplexen Angelegenheit das Ziel sein soll. Und die derzeitigen Bedingungen, um beispielsweise zu bestimmen, wie man mit Diversität künftig umgehen soll, scheinen im Moment etwas besser zu sein als vor zehn Jahren. Erstens, weil der aktuelle Informationsstand zum Thema Lebenseinstellungen der Zuwanderer etwas ausgewogener geworden ist, und zweitens, weil es auf dem Gebiet nun etwas weniger Tabus gibt. Doch Vermutungen, Stereotype und Vorurteile gibt es leider immer noch genug.

- © BJV/Muslimische Pfadfinderinnen und Pfadfinder/Taham Ahmad
© BJV/Muslimische Pfadfinderinnen und Pfadfinder/Taham Ahmad

Zu den Vorurteilen, die sich bis heute hartnäckig halten, gehört zum Beispiel jenes, dass in den Ländern Westeuropas und auch in Österreich der familiäre und schulische Umgang mit Kindern zu liberal, zu modern sei und daher keinen Respekt verdiene - ja, das existiert. Auf der anderen Seite hört und liest man oft, die Österreicher seien überdurchschnittlich rassistisch und hätten aus der Geschichte nichts gelernt. Und nicht weniger hartnäckig hält sich auch das Vorurteil, laut dem frisch zugewanderte junge Männer aus dem Nahen Osten mehrheitlich problematische Einstellungen hätten und tief religiös, daher unintegrierbar seien - auch das existiert.

Die neue Periode


Schaut man sich die Dinge jedoch etwas genauer an, so ist zu sehen, dass man es bei den erwähnten Angelegenheiten mit unhaltbaren Konstruktionen zu tun hat, die ihren Ursprung in der Vergangenheit haben; in einer alles für legitim haltenden Geisteshaltung. Ja, es war ein Trend, der sehr, fast unausweichlich modern war. Es lässt sich vermuten, dass die genannte, eher paternalistische als kritische Periode, in der etwa sensible Fragen an die Migration äußerst ungern gestellt wurden, etwas zu lange dauerte. Dieses intellektuell (und nicht politisch!) zu lange Vernachlässigte könnte eine der Ursachen für die verstärkte und schlagartig zum Vorschein getretene Aggressivität der in den Medien und in der Politik geführten Debatten sein.

Doch jene "postmoderne" Zeit gehört (mit ihren Vor- und Nachteilen) der Vergangenheit an. Inzwischen gibt es zahlreiche Studien, die sich mit dem Thema der Einstellungen und Wertvorstellungen der Einwanderer ausgiebig beschäftigen und die genannte Informationslücke etwas kompensiert haben. So wissen wir heute selbst über Jugendliche, die vor kurzem eingewandert sind, bereits einiges mehr, als wir je zuvor über alteingesessene Migranten gewusst haben. Und das vorwiegend dank des Beitrags engagierter Akteure, besonders muslimischer Herkunft, die das "Eigene" verstärkt und kritisch unter die Lupe genommen haben. Die Situation scheint manchmal dennoch aussichtslos zu sein. Insbesondere dann, wenn ein Buchtitel - wie vor kurzem der "Kulturkampf im Klassenzimmer" - in den Schlagzeilen landet. Und nicht, weil die in dem Buch thematisierten Inhalte "Fake News" wären, sondern weil man mittlerweile weiß, welche Wellen ein derartiger Titel schlagen kann. Obwohl das zitierte Buch sich höchstens für einige pädagogische Maßnahmen eignet, glauben scheinbar viele, es könne statistische Zwecke erfüllen. Nein, das kann es nicht. Dazu gibt es andere Studien.