Erhard Fürst war Leiter der Abteilung Industrie- und Wirtschaftspolitik in der Industriellenvereinigung. Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/gastkommentare
Erhard Fürst war Leiter der Abteilung Industrie- und Wirtschaftspolitik in der Industriellenvereinigung. Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/gastkommentare

Fast jede neue Technologie eröffnet bekanntlich gleichzeitig positive und negative Auswirkungen und Perspektiven. Diese Dualität scheint besonders ausgeprägt für den Bereich der Künstlichen Intelligenz und Robotik. Innerhalb des potenziellen Anwendungsraums dieser beiden Verbundtechnologien gibt es allerdings einen speziellen Einsatzbereich, bei dem die negativen Aspekte deutlich überwiegen: Das sind die militärischen Anwendungen. Tatsächlich arbeiten vor allem die großen Militärmächte, wie die USA, China und Russland, längst an der Entwicklung von intelligenten Waffensystemen, wie unbemannte Drohnen, Panzer, Flugzeuge, Fahrzeuge, Schiffe und sonstiges Kriegsgerät, die in der Wirksamkeit und Treffsicherheit konventionellen Systemen bei weitem überlegen sind und gleichzeitig Verletzungen oder Tötungen eigener Soldaten minimieren. Vor allem sind diese "selbstlernenden" Waffensysteme aufgrund der sie leitenden Algorithmik in der Lage, ihre "Erfolgsquoten" ohne ständige Eingriffe von Menschen zu "verbessern".

In Österreich ist dieses Thema in der öffentlichen Diskussion kaum präsent. Erstens sind wir ohnehin neutral, zweitens ist vor allem der jüngeren Generation unklar, wer in unseren Breiten warum mit wem im Ernstfall Krieg führen sollte, und drittens will man keine Ängste wecken zu Zeiten, die ohnehin durch Verunsicherung, Furcht und damit sinkendes Vertrauen in unsere demokratischen Regierungssysteme gekennzeichnet sind. Auf europäischer und internationaler Ebene gibt es immerhin engagierte Initiativen, diese neuen Waffensysteme zu ächten und zu verbieten, wie dies bei chemischen, bakteriologischen Waffen der Fall ist. So hat das Europäische Parlament heuer eine diesbezügliche Resolution beschlossen. Ebenfalls heuer haben sich 2500 Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Wirtschaft persönlich verpflichtet, nicht an der Entwicklung, Erzeugung, dem Handel oder der Nutzung autonomer Tötungswaffen zu beteiligen. Eine Gruppe von Regierungsexperten beschäftigt sich in Genf im Rahmen der Waffenkonvention mit diesem Thema. Tatsächlich aber scheint der Zug längst abgefahren und ein neues Wettrüsten im Gange zu sein. Denn eines scheint klar: Wer als Erster über autonome smarte Waffensysteme in großer Zahl verfügt, dominiert die Welt militärisch. Allein schon, weil konventionell ausgestattete Truppen dem Kampf gegen "Killerroboter" psychisch nicht gewachsen wären.

Was ist die Schlussfolgerung? Die Anstrengungen, die autonomen Waffensysteme möglichst zu verbieten, zumindest aber einer effektiven Kontrolle zu unterwerfen, müssen entschieden weitergeführt werden. Gleichzeitig muss aber Europa unter Bündelung seiner Kräfte selbst die Anstrengungen zur raschen Entwicklung dieser Waffensysteme massiv erhöhen. Schlimmstenfalls, um ernst genommene Partei in einer Neuauflage eines "Gleichgewichts des Schreckens" sein zu können, im besten Fall gewichtiger Mitspieler im Rahmen globaler Rüstungsbeschränkungen. Das wird zu Aufschreien und unschönen Protesten unserer biedermeierlichen Gesellschaften führen. Bloß: Die Alternative ist die langfristige Kolonialisierung Europas.