Franz Schandl ist Historiker und Publizist. Von 1985 bis 1995 war er Gemeinderat der Alternativen Liste in Heidenreichstein, wo er aktuell das Grundeinkommensprojekt "Sinnvoll tätig sein" (www.bsowv.at) wissenschaftlich begleitet. Er ist Redakteur der "Streifzüge" (www.streifzuege.org). Der vorliegende Text ist auch auf www.freitag.de erschienen. - © privat
Franz Schandl ist Historiker und Publizist. Von 1985 bis 1995 war er Gemeinderat der Alternativen Liste in Heidenreichstein, wo er aktuell das Grundeinkommensprojekt "Sinnvoll tätig sein" (www.bsowv.at) wissenschaftlich begleitet. Er ist Redakteur der "Streifzüge" (www.streifzuege.org). Der vorliegende Text ist auch auf www.freitag.de erschienen. - © privat

Wer hätte das gedacht? Vor zwei Jahren noch erklomm der Quereinsteiger Christian Kern gleich einem "Messias aus dem Musterknabenkatalog" das Kanzleramt und den SPÖ-Vorsitz. Doch schon im Herbst 2017 war das Intermezzo als Regierungschef Geschichte. Der ehemalige ÖBB-Chef hatte die Nationalratswahl gegen Sebastian Kurz verloren und versuchte sich fortan als glückloser Oppositionsführer. Da wollte kein Wind aufkommen, von neuerlicher Euphorie ganz zu schweigen. Schnell war ein Hoffnungsträger an sein Ende gelangt. Der völlig tollpatschige Abgang in zwei Etappen komplettierte noch den tiefen Fall. Zum Schluss erschien der Macher als beleidigtes Männlein.

Manchmal trat Kern geradezu stümperhaft auf, vor allem in taktischen Fragen war er alles andere als sattelfest. Ein Schnitzer folgte dem nächsten. Selten durchschlagkräftig, manchmal geradezu feig. Einige Male versäumte er die Chance, Neuwahlen anzusetzen und seinerseits die Turbulenzen in der ÖVP (die bereits auf unter 20 Prozent abgesackt war) auszunutzen. Selten hat einer in so knapper Zeit so oft seine Ankündigungen gebrochen wie Kern. Das war nicht zu kaschieren, das war offensichtlich. Der Missmut war den Seinen ebenso anzumerken wie ihm selbst.

Kern unterlag Kurz
auf dem politischen Parkett

Vor einem Jahr saßen sie noch im selben Bus. Jetzt führt Pamela Rendi-Wagner statt Christian Kern die SPÖ. - © apa/Roland Schlager
Vor einem Jahr saßen sie noch im selben Bus. Jetzt führt Pamela Rendi-Wagner statt Christian Kern die SPÖ. - © apa/Roland Schlager

So richtig angekommen in der Politik ist Christian Kern nie. Trotz des stets betonten "Ich bin ein Arbeitersohn aus Simmering" war er kein Kind der Partei, man fremdelte. Wobei da nun niemand eine Verschwörung angezettelt hatte, es war vielmehr eine heimliche wie unheimliche Meuterei auf allen Decks, die den SPÖ-Chef zu Fall brachte. Das ständige Murren zeitigte große Folgen. Als er sich dann auch noch beim ersten Teilrücktritt selbst zum Spitzenkandidaten der SPE bei der EU-Wahl ausrief, reichte es den Genossen endgültig. Und nicht nur ihnen, sondern einige Tage später auch ihm selbst. Er stolperte regelrecht ins Out. Kern war aber nicht Motor der Krise, sondern lediglich der Keilriemen. Von der Episode Kern wird in der SPÖ nicht viel hängen bleiben, weniger als von seinem Vorgänger Werner Faymann, der sich zumindest acht Jahre lang in den Ämtern gehalten hat.

Seltsam unprofessionell war das. Gerade auf dem politischen Parkett erwies sich Sebastian Kurz im Gegensatz dazu als Profi und somit als überlegen, da mag Kern intellektuell noch so viel mehr auf dem Kasten haben, das interessiert kaum. Ob der Aufstieg des Kontrahenten substanzieller Natur ist, darf bezweifelt werden. Manche medialen Blasen halten sich länger als andere. Das Einzige, was Kurz bisher vorzuweisen hat, ist sein Wahlerfolg. Der war, genau betrachtet, gar nicht so groß, aber für die ÖVP-Granden doch ausreichend, sich dem Youngster auszuliefern. Die ÖVP ist nicht weniger marod als die SPÖ. Ein wichtiger Unterschied zwischen Kern und Kurz war auch einer der mentalen Haltung: Kern hatte Skrupel, Kurz weiß nicht einmal, dass er keine hat.