Die grausame Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi im Saudi-Konsulat in Istanbul belastet das Verhältnis zwischen dem arabischen Golfstaat und dem Westen. Die saudischen Machthaber König Salman und Thronfolger Mohammed bin Salman weigern sich, die Verdächtigen an die Türkei auszuliefern, während westliche Regierungen mit dem Gedanken von Sanktionen spielen. Traurig dabei ist, dass es erst eines tragischen Einzelfalls bedurfte, der die EU-Regierungschefs zum Umdenken bringt. Drei Jahre lang hat man etwa den völkerrechtswidrigen Krieg, den Saudi-Arabien gegen den Jemen führt, nicht nur achselzuckend zur Kenntnis genommen, sondern diesen mit Waffenlieferungen gefördert. Besonders für die deutsche Bundesregierung ist das Waffengeschäft mit dem Ölstaat sehr lukrativ.

Der Fall Khashoggi könnte jetzt aber einen Richtungswechsel für Saudi-Arabien bedeuten. Der Khashoggi-Clan ist weitverzweigt und einflussreich: Jamals türkisch-stämmiger Großvater Muhammed Khashoggi war der Leibarzt des ersten Saudi-Herrschers Ibn Saud, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Wüstenstämme einte und vom Westen im Kampf gegen das Osmanische Reich unterstützt wurde. Jamals Onkel Adnan Khashoggi stieg in den 1970ern mit Waffendeals zum Multimilliardär auf. Die türkischen Wurzeln der Familie erklären das persönliche Motiv von Präsident Recep Tayyip Erdogan, den Mordfall aufzuklären. Außenpolitisch fühlt sich Erdogan dem Emirat Katar verbunden, das als Rivale des Hauses Saud gilt.

Beschuldigt wird der saudische Thronfolger Mohammed bin Salman, die Ermordung des Regimekritikers Khashoggi angeordnet zu haben und Terrorismus zu finanzieren. Sein Thron wackelt - und das nicht erst seit dem mysteriösen Vorfall im Konsulat. Der Ernennung bin Salmans zum Thronfolger war ein interner Machtkonflikt mit dem gemäßigten Königsspross Mohammed bin Nayef vorausgegangen. Laut Berichten in der "Asia Times" sollen sich die USA und deren Geheimdienst CIA im April 2014 für einen Richtungswechsel im Haus Saud entschieden haben, der Nayef dem Vorzug gegeben hätte. Nur eine Palastrevolte habe dies verhindert und die saudische Erbfolge zugunsten von bin Salman geregelt, heißt es. An dessen Sturz sollen seitdem mehrere Personen im In- und Ausland arbeiten.

Die Freundschaft zwischen den USA und Saudi-Arabien, die beim historischen Treffen am Suezkanal 1945 zwischen König Ibn Saud und US-Präsident Franklin D. Roosevelt durch das Quincy-Abkommen besiegelt wurde, steht also auf der Kippe. Mohammed bin Salman will im Fall einer Abkehr des Westens Gegenmaßnahmen ergreifen: So könnte das Wüstenland seine Waffendeals künftig mit China oder Russland abschließen und diesen Staaten Militärstützpunkte im Land anbieten. Im Konflikt zwischen den USA und Russland ist Saudi-Arabien bisher wohlweislich neutral geblieben, um sich eine Hintertür offen zu halten. Das Verhältnis der EU zum Golfstaat wird letztlich nicht von der Aufklärung des Falls Khashoggi abhängen, sondern davon, ob das Weiße Haus bin Salman sein volles Vertrauen aufkündigen will.