Stefan Brocza istExperte für Europarecht und internationaleBeziehungen. Alle Beiträge dieserRubrik unter:www.wienerzeitung.at/gastkommentare - © unknown
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Am 4. November wird Frankreich erneut daran erinnert, dass es noch immer eine Kolonialmacht ist. An diesem Tag entscheidet sein pazifisches Überseegebiet Neukaledonien, ob es den letzten Schritt in die Unabhängigkeit wagt.

Auf Neukaledonien, mehr als 20.000 Kilometer entfernt von Paris im Südpazifik gelegen, leben rund 268.000 Menschen. Von älteren Volkszählungen ausgehend sind etwa 43 Prozent von ihnen melanesischer Herkunft, sie bezeichnen sich selbst als Kanak. Weitere 37 Prozent sind Europäer (Caldoches), die drittgrößte Gruppe sind Einwanderer aus Wallis und Futuna, einem ebenfalls französischen Überseegebiet, zwischen Fidschi und Samoa gelegen. Zudem leben in Neukaledonien noch Nachfahren asiatischer Herkunft. Die Hauptinsel ist seit 1853 französischer Besitz, ab 1864 wurde das Gebiet als Strafkolonie genutzt. In diese Zeit fiel auch die Entdeckung der bedeutsamen Nickelvorkommen; man schätzt, dass rund ein Viertel des weltweit für die Stahl- und Rüstungsindustrie wichtigen Metalls auf Neukaledonien liegt. Der daraufhin einsetzende Bergbauboom bestimmt die sozio-ökonomischen Zusammenhänge der Insel bis heute.

Die Erzlager befinden sich im von den Kanak bewohnten Nordteil der Insel im Landesinneren, die Verarbeitung, die Verwaltung und somit die bezahlten Arbeitsplätze hingegen an der Südküste rund um die Hauptstadt Nouméa. Durch den wachsenden Bergbau und den damit verbundenen radikalen Veränderungen verloren die Melanesier zunehmend ihr ursprüngliches Land und wurden in Reservate von weniger als zehn Prozent der Landfläche vertrieben, während der Zustrom europäischer und asiatischer Arbeitskräfte aus dem damaligen Indochina stark zunahmen.

1878 und 1917 gab es größere Aufstände der Kanak, die von Frankreich blutig niedergeschlagen wurden. Die französische Kolonialherrschaft markierte die Melanesier als "besonders unzivilisiert und rückständig" und stilisierte sie nicht, wie etwa die Bewohner von Französisch Polynesien, zu "schönen, edlen Wilden".

Sonderstatus als Überseegebiet


Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hätte sich Neukaledoniens Lage verbessern sollen. Die Bewohner der damaligen Kolonien erhielten nämlich das Wahlrecht zur Nationalversammlung in Paris sowie die französische Staatsbürgerschaft in der Union Française. Neukaledonien bekam den Sonderstatus eines Überseegebietes (Territoire d’outre mer - TOM), faktisch und tatsächlich bestand die bisherige Kolonialverwaltung jedoch weiter, da alle Macht beim von Paris ernannten Gouverneur zentral verblieb.