Zufrieden war zunächst keine der beiden Seiten - der Führer der Kanak-Partei FLNKS, Jean-Marie Tjibaou, wurde gar von einem militanten Separatisten ermordet. In den folgenden Jahren stilisierte die Regierung die Person Tjibaou als Identifikationsfigur einer gemäßigten Autonomiepolitik. Zehn Jahre danach, 1998, einigten sich alle Interessengruppen auf einen nochmaligen Aufschub des endgültigen Unabhängigkeitsvotums auf ein Datum in frühestens 15, aber spätestens 20 Jahren. Zunächst wurde 1998 nur über das neue Abkommen von Nouméa erfolgreich abgestimmt, das weitere Autonomierechte vorsah. Seither darf sich Neukaledonien in den meisten Bereichen selbst verwalten; ausgenommen bleiben die hoheitlichen Aufgaben Verteidigung, Polizei, Justiz, Außenpolitik und Geldwesen, die weiterhin von Frankreich wahrgenommen werden.

Wer darf abstimmen?

Einen Sonderfall stellt die Außenpolitik dar. Neukaledonien ist es erlaubt, Mitglied in Regionalorganisationen im pazifischen Raum zu werden. Auch darf die Autonomieregierung auswärtige Verträge und Abkommen eigenständig verhandeln - zum Ratifizieren ist dennoch die Unterschrift Frankreichs nötig. Seit 2003 ist Neukaledonien verfassungsrechtlich ein Collectivité sui generis, ein TOM mit besonderem Status. Laut Nouméa-Abkommen darf sich das Land nun identitätsstiftende Symbole selber geben: eine eigene Hymne, eine Flagge, ein Staatsmotto und eigene Designs der Banknoten (die Landeswährung ist der Pazifik Franc, der von Frankreich ausgeben wird und de facto mit einen fixen Wechselkurs an den Euro gebunden ist). Sogar ein neuer Name ist möglich, doch das angedachte Kanaky konnte sich bisher nicht durchsetzten.

Als spätester regulärer Termin für das Unabhängigkeitsreferendum wurde Ende November 2018 vereinbart. Die wichtigste Frage dabei ist, wer eigentlich abstimmen darf. Die Separatisten wollen den nach 1998 Zugezogenen aus Frankreich (jährlich etwa 1000) kein Stimmrecht zugestehen. Frankreich wiederum besteht darauf, alle Staatsbürger gleich zu behandeln; unabhängig davon, wann sie auf Neukaledonien zugezogen sind. Für die nun auf den 4. November terminisierte Abstimmung wurde festgelegt, dass all diejenigen abstimmen dürfen, die im Jahr 2014 seit 20 Jahren in Neukaledonien gelebet haben.

Sorge um Unabhängigkeit

Der langsame Übergang in die vollständige Selbstständigkeit ist weiterhin fragil und das mögliche Ergebnis des Referendums offen. Neukaledonien könnte dank der beachtlichen Nickelvorkommen über eigene Einnahmequellen verfügen, doch es werden Warnungen laut, dass eine staatliche Unabhängigkeit de facto gleich wieder an internationale Rohstoffmärkte verloren gehen könnte. Auch zunehmende geopolitische Veränderungen im pazifischen Raum und chinesische Hegemoniebestrebungen lassen Sicherheitsbedenken wachsen. Die Bewohner Neukaledoniens stehen vor der harten Entscheidung, als kleiner unabhängiger Inselstaat den künftigen Stürmen der Geopolitik ausgesetzt zu sein oder aber - unter möglichst großer Autonomie - doch weiterhin Teil der Grande Nation zu bleiben.

Wie aufgeheizt die politische Stimmung auf Neukaledonien ist, zeigt auch das Ergebnis der französischen Präsidentenstichwahl vom 7. Mai 2017: Marine Le Pen vom Front National erzielte nämlich mitten im Pazifik, 20.000 Kilometer entfernt von Paris, ihr absolutes Rekordergebnis von mehr als 47 Prozent. Das und die Tatsache, dass rund ein Drittel des neukaledonischen Budgets Jahr für Jahr als Transferleistung aus der fernen Heimat kommt, könnten ein Indiz dafür sein, wie die Wähler am Sonntag schlussendlich entscheiden werden.

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