Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Foto: Daniel Novotny
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Foto: Daniel Novotny

Wenn man sagt, Merkels Abgang sei hoch an der Zeit gewesen - was sagt man da eigentlich? Man sagt, dass eine bestimmte politische Form vorbei sei. Man sagt, die Zeit des Zentrismus sei vorüber.

Ihre Kritiker warfen Merkel immer vor, sie würde nur den Stillstand verwalten, den Status quo verlängern. Sie hätte Politik von allem Charismatischem, von allem Außeralltäglichem also, befreit und auf ein Verwalten, auf ein bürokratisches Handwerk reduziert. Emotionslos oder zumindest emotionsgedämpft ohne Brimborium hätte sie einer kühlen, sachlichen Rationalisierung Vorschub geleistet und auf allen Glanz, auf jegliches Spektakel verzichtet.

Ihre Kritiker übersehen dabei aber eines: Merkel hat all dies nicht nur vollzogen. Merkel hat diese Art von Politik auch verkörpert. Sie ist nicht charismatisch, sie glänzt nicht durch Eloquenz. Aber sie hat Anstand, Mäßigung und Stabilität nicht nur behauptet oder durchgezogen - nein, sie hat all dies auch verkörpert. Eben das hat sie zu dem gemacht, was die "New York Times" als "eine der bemerkenswertesten westlichen Leader" bezeichnet - eine postheroische Führungsfigur. Sie war die Karyatide des Zentrismus, eine weibliche Figur mit tragender Funktion. Die tragende Säule der Mäßigung.

Das Unerwartete und Besondere daran ist, dass es offenbar einer solchen bedarf. Auch die völlige Rationalisierung der Politik, auch die weitgehende Versachlichung, auch die rein prozedurale Demokratie bedarf offenbar einer Figur, die sie verkörpert, die sie versinnbildlicht, die sie darstellt. Einer Figur, die diese rationale Ordnung trägt und stützt.

Dazu bedarf es aber einer Figur eines ganz bestimmten Typs: eben das, was man eine protestantische Führungsfigur nennen könnte. Diese muss führen, ohne sich hervorzuheben - ein Widerspruch, den man nur leben kann, indem man sich einreiht. Deshalb ist das, was für Merkel wohl das Prototypischste war, die Abstimmung über die Homo-Ehe: Sie hat dieses Votum zugelassen - um selbst aber mit "Nein" zu stimmen.

Wenn nun die Zeit und Merkel auseinanderdriften. Wenn der Zentrismus vom populistischen Moment überholt wird. Wenn dies ihren Abgang unausweichlich macht - dann ist dies keine gewöhnliche demokratische Machtablöse.

Wenn die Karyatide abtritt, dann stützt keiner mehr das Gebäude in dieser Art. Was folgt auf deren Abgang - Aufbruch oder Einbruch? Vielleicht beides gleichzeitig. Einbruch der Mitte und Aufbruch der Widersprüche - im Sinne eines Aufbrechens. Einstürzende Altbauten.

Realpolitisch bedeutet das wohl das Ende der Volksparteien des alten Typs. Ein Ende, das sich auch in Deutschland schon lange abzeichnet, nun aber beschleunigt wird. Und egal, in welche Richtung sich die Union orientieren wird, sie wird sich von der Großpartei zum neuen Typus der Mittel-Partei wandeln. Das Abschöpfen der politischen Energien wird sich noch weiter aufsplitten. Solche Zeiten sind immer auch Zeiten aufbrechender Emotionen. In Deutschland wie in Europa, das vom höhnischen Gejubel der Salvinis und Orbans widerhallt. Der Abgang der Karyatide der Mitte ist kein einfaches Ende. Er eröffnet vielmehr eine völlig neue politische Szenerie.