"Tolerante Natur des Islam fordert Respekt für jegliches Kulturerbe"

Das Doha-Statement betont, dass "die tolerante Natur des Islam einen Respekt für das Kulturerbe allgemein von jedem Muslim einfordert, unabhängig von den Quellen, Formen und Manifestationen" des Kulturerbes und verweist diesbezüglich auf die lange Geschichte des Islam, in der Muslime kulturelles Erbe in all seiner Vielfalt, und gerade auch vorislamisches Kulturerbe, stets bewahrt haben und nur dadurch überhaupt ein Gutteil auch des vorislamischen Kulturerbes der Welt bis heute erhalten geblieben ist. Die Bewahrung des kulturellen Erbes in all seiner Vielfalt wird als genuin islamischer Wert und als grundsätzliche islamische Position definiert, die direkt "aus der Achtung immanenter menschlicher Werte und dem Respekt vor dem Glauben anderer" resultiert.

Die Konferenz der ‘Ulamâ verabschiedete schließlich als Kern des Doha-Statements "folgende Empfehlungen:
- Den kulturellen Werten in Bildungscurricula und in den Medien größere Aufmerksamkeit zu widmen; - Die Medien und alle damit befassten Personen und Parteien zu ermutigen, den Wirkungsbereich des positiven Zugangs zum Islam und der islamischen Kultur und Zivilisation zu verbreitern und dabei den Inhalt dieses Statements entsprechend abzubilden; - Die Notwendigkeit eines Dialogs der Kulturen und Zivilisationen auf Basis gegenseitigen Respekts und der Toleranz zu betonen, und zwar in Übereinstimmung mit den Geboten des Koran and der Sunna des Propheten bezüglich der Anerkennung des Anderen und eines Dialogs basierend auf Weisheit, wohlwollender Ermahnung und herzlicher Disputation (vgl. den Annex zu diesem Statement [Verweise auf Koransuren]); - Den drei Organisationen ihre Bemühungen fortzusetzen, Kulturerbe zu schützen und die Rückgabe gestohlenen Kulturguts zu sichern. […]"

Das Doha-Statement macht Mut, zeigt es doch, dass man sich in der islamischen Welt mit dem Problem offensiv auseinandergesetzt hat und weiterhin tut. Doch die Realität entmutigt, wenn man den Lauf der Ereignisse seit Dezember 2001 bis heute analysiert. Nichts bringt das Kulturerbe zurück, das in den vergangenen Tagen im Museum von Mossul im religiösen Wahn zerstört worden ist. Und wahrscheinlich bleiben von den Kulturlandschaften Syriens und des Nordirak nur mehr Trümmer übrig; und wahrscheinlich bleiben viele dieser Landschaften – auch deshalb – für immer von ihren kulturellen, ethnischen und religiösen Minderheiten gesäubert. Im Krieg in Syrien und dem Irak versagen alle klassischen völkerrechtlichen Normen und auch grundlegende islamische Übereinkünfte bleiben völlig wirkungslos. Das ist in vielen Kriegen der jüngeren Geschichte, eben gerade bei ausufernden internen bzw. asymmetrischen Konflikten, zu beobachten und dieses Faktum ist in sämtlichen künftige Überlegungen zu diesem Thema zu berücksichtigen und nicht mehr zu ignorieren, wie wir es auf dem akademischen, diplomatischen und politischen Parkett allzu gerne tun. Es reicht nicht, völkerrechtliche Normen zu entwickeln, wie das in den letzten Jahren sicherlich viel und gut geschehen ist. Es geht darum, diese Normen global wirkungsvoll zu implementieren. Und daher ist globale Akzeptanz diesbezüglich ein wesentlicher Schlüssel, denn noch immer wird humanitäres Völkerrecht oft als ein Aspekt eines westlichen Imperialismus abgelehnt, wie das gerade eben auch jene Islamisten zum Ausdruck bringen, die gerade in Mossul wüten; doch sie stehen mit diesem Vorurteil nicht alleine da. Hier besteht offensichtlich enormer Aufholbedarf. Entsprechende Perspektiven müssen erst gesucht werden, über weite Strecken scheinen noch nicht einmal die richtigen Fragen dafür gestellt. Wir müssen also lernen, neu zu denken. Endlich. Rasch.