Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Wir leben in Zeiten des Hasses. Das ist schon nicht schön. Überall hasst jeder jeden. Nur weil der eine anders ist als der andere. Zudem ist bald Weihnachten. Es kommt also Stress dazu: Geschenke kaufen, Krippenspiel besuchen, Punsch saufen, Weihnachtsfeier überleben. Stress, Stress, Stress. Und so schaukelt sich das auf, bis dann der Höhepunkt der "staden Zeit" kommt und wieder einmal ein normaler, unauffälliger, ruhiger Familienvater am ersten Weihnachtsfeiertag seine Familie mit dem Jagdgewehr auslöscht. Oder die durch massiven Alkoholmissbrauch im Koma liegenden Eltern nicht mitbekommen, dass der Nachwuchs gerade Mitglied im Club "Zimmerbrand leichtgemacht" wird. Oder die von ihrem Partner mit einem veganen Weihnachtsbraten überraschte Produktmanagerin das Gesicht des geliebten Gegenübers in die dargereichte Überraschung drückt. Mit Kraft. Zu irgendwas muss das Fitnesscenter ja schließlich gut sein. So oder so, das Resultat ist: noch mehr Hass.

Deshalb muss eine Wende her. Liebe ist das Gebot der Stunde. Umarmungen, Herzlichkeit und Fußmassagen braucht diese Welt. Und damit das hier kein hohler Appell bleibt, gehe ich mit gutem Beispiel voran und liebe. Ja, ich liebe euch! Alle! Ich überschütte euch mit Liebe! Also Liebe für Nationalisten, die ihre sexuelle Frustrationen via Selbstüberschätzung durch Herkunft zu kompensieren versuchen und glauben, der Pass der Eltern sei eine Leistung. Liebe für Security-Mitarbeiter, die ihre Machtfantasien mit Gewalt an Asylwerbern, Obdachlosen und anderen wehrlosen Individuen ausleben, damit sie endlich auch einmal der Chef von irgendetwas sein können, wenn schon die Frau sie zuhause nicht zu Wort kommen lässt. Liebe für die Young-Urban-Stylo-Feministas, die meinen, mit ein bisschen popkulturellem Diskurs ließen sich der Gender-Pay-Gap auflösen, die Situation alleinerziehender Mütter verbessern und der Mädchenhandel bekämpfen. Liebe für den durchschnittlichen, betonschädeligen Sozialdemokraten, der sich insgeheim freut, dass jetzt endlich wer "was gegen die Ausländer" tut, und meint, man müsse nur abwarten, dann wandere die Kanzlerschaft schon automatisch wieder zur SPÖ zurück. Denn das sei ja ein Naturgesetz, man müsse also jetzt nichts weiter tun als Bier trinken und abwarten. Liebe fürs Bürgertum in Stadt und Land und Loden, das seinen akurat gescheitelten Buben und ordentlich pferdebeschwanzten Mädchen schon früh beibringt, dass sie "etwas Besseres" wären, weswegen sie auf all die Mirkos, Ayshes, Mohameds und Kevins mit Selbstgewissheit hinunterblicken dürften, auch wenn die besser in Mathe, Physik oder Turnen sind. Liebe für alle Internet-Trolle, Verschwörungstheoretiker und Klimawandel-Leugner, die die unangenehme Realität gegen eine Ich-hab-die-Wahrheit-gepachtet-Wunderwelt eingetauscht haben. Liebe für alle Lokalbesitzer, die ihre Gäste mit ihrem fragwürdigen Musikgeschmack oder dem örtlichen Trottelfunk in der Lautstärke von 3000 Phon zwangsbeglücken. Und Liebe für Busfahrer, die die Tür schließen und zwei Sekunden, bevor man sie erreicht hat, losfahren.

Ja, ich liebe euch. Von ganzem Herzen. Fragt mich aber bloß nicht, warum.