Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall.
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall.

"Macht hoch die Tür, die Tor’ macht weit", sang der Weihnachtschor in vorbildlicher Artikulation, sodass der Text bis in die hintersten Reihen zu verstehen war. Der Chor sang brav und einigermaßen gut, davon abgesehen verlief die Adventfeier im Gemeindesaal bezüglich Besinnlichkeits- und Unterhaltungswert jedoch eher trist, und die verkündeten Predigthülsen enthielten keinerlei aufheiternde Frohbotschaft. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um konzentriert bei der Sache zu bleiben, und so fiel mir, bereitwillig profanen Gedankengängen folgend, eine amüsante kleine Geschichte ein, die mir vor Kurzem per WhatsApp-Video zugeschickt worden war.

Es ist früher Vormittag, ein smarter junger Mann in einer coolen, durchgestylten Wohnung erteilt seinen technischen Helferlein Sprachbefehle. "Play Jazz", sagt er zur Stereoanlage, diese antwortet "Playing Jazz" und spielt Jazz. Die Küchenmaschine reagiert mit dem richtigen Fruchtsaftmix auf den Befehl "Smoothie", der ebenfalls digitalisierte Kalender gibt mit freundlicher Frauenstimme Bescheid: "No meetings today" - und erinnert an einen Termin beim Zahnarzt. Der prasselnde Kaminofen reagiert willig auf den Befehl "Fire off" - und die Tür auf "Open door". Alles gehorcht aufs Wort, aber eben nur aufs deutlich ausgesprochene Wort und auf die vertraute Stimme. Als der junge Mann später bei strömendem Regen von der Zahnärztin zurückkehrt, die ihm eine Betäubungsspritze verpasst hat, ist seine Aussprache unkenntlich, seine Stimme verzerrt.

Der wiederholte und immer panischer gerufene Befehl "Open door" bleibt unberücksichtigt, die Haustür verschlossen. Irgendwann versteht der Spracherkennungsdienst "Play on the floor" und spielt im Hausgang dementsprechende Musik, während der junge Mann immer noch im Regen steht. Die nun ebenfalls nach Hause zurückkehrende Nachbarin setzt noch eine Demütigung drauf, indem sie ganz einfach den Schlüsselbund aus der Tasche holt und ihre Haustür problemlos aufsperrt.

Ob sich die Himmelstür durch den deutlich artikulierten und mehrfach geäußerten Sprachbefehl "Macht hoch die Tür, die Tor’ macht weit" des Weihnachtschores und des Moderators ein Stück weit geöffnet hat, weiß ich nicht, aber es ist anzunehmen, weil kurz darauf das Lied "Es hat sich halt eröffnet, das himmlische Tor" erklang.

Bei "Süßer die Glocken nie klingen" wurde tatsächlich, wie auf spracherkennungsdienstlichen Befehl, Glockengeläut eingespielt. Aber auch die Verwaltung der ewigen Schöpfung hat so ihre Tücken: Gott denkt, die Technik lenkt. Welches Lied hätte der Chor singen sollen, als kurz darauf der Strom ausfiel und damit nicht nur der Beamer, der besinnliche Bilder projizierte, den Geist aufgab, sondern der ganze Saal für kurze Zeit in Dunkelheit getaucht wurde, was eine höchst störende Unterbrechung der besinnlichen Veranstaltung zur Folge hatte? Vielleicht diese Weihnachtsliederzeile: "Öffnet mir die Herzen, hell erglühn die Kerzen!"