Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Die deutschsprachige Presselandschaft ist aufgeschreckt. Entsetzt. Völlig aus der Fassung. Weiß nicht mehr, wo oben und unten ist. Denn einer ihrer besten und brillantesten Schreiber hat alles gegeben, was er konnte. Und noch mehr. Noch einiges mehr. Claas Relotius heißt der nunmehrige Ex-"Spiegel"-Mitarbeiter, der die ganze Branche in helle Aufregung versetzt. Denn nicht nur beim Nachrichtenmagazin in Hamburg liegen die Nerven blank. "Tagespresse", "Postillion" und "Titanic" liegen sich nun in den Haaren, welcher dieser Redaktionen der Mann eigentlich wirklich angehört. Derweil sind "Bild", "Krone" und "Österreich" entsetzt: "Wir machen doch im Prinzip seit Jahren dasselbe und kriegen nicht diese PR dafür. Frechheit!"

Auch das Konkurrenzblatt "Stern" weiß über Relotius einiges zu sagen: "Das hätte man vorher wissen können. Selbst sein Großvater war schon unzuverlässig. Steht in Adolf Hitlers Tagebüchern." Die FPÖ-nahe Plattform "unzensuriert.at" wiederum meinte dagegen gewohnt sachlich: "Dabei ist diese Enthüllung nur die halbe Wahrheit! Der Mann ist obendrein islamistischer Bilderberger im Auftrag des kommunistischen Mossad-Agenten George Soros!" Die Periodika "Cicero", "taz", "FAZ", "NZZ", "Financial Times Deutschland", "Welt", "SZ-Magazin", "Weltwoche", "Zeit online", aber auch das österreichische "profil" stellen nun in aller gebotenen Transparenz klar: "Wir kennen diesen Mann nicht! Also nicht nicht. Aber zumindest nicht so gut, wie wir geglaubt haben." Reporterlegende Gerd Heidemann versteht dagegen die Aufregung nicht: "Ich weiß nicht, was alle haben? Für mich hat der Mann alles richtig gemacht."

Andere Kollegen halten dagegen den Skandal für noch viel größer: "Den Mann gibt es doch eigentlich gar nicht", meint etwa "Daily Bugle"-Star Peter Parker. Und Kollege Clark Kent pflichtet ihm bei: "Den hat sich doch irgendjemand ausgedacht. Allein der Name: Relotius! Ich bitte Sie, so heißt doch kein echter Mensch." Auch die belgische Reporterikone Fantasio analysiert messerscharf: "Das ist alles Fiktion, um die Auflage zu steigern." Ein Sprecher von Reporter ohne Grenzen hingegen meint nur resignierend: "Ich fürchte, der Kollege hat den Namen unserer Organisation auf tragischste Weise missverstanden."

Aber auch abseits der Branche wird der Fall wahrgenommen. Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi möchte Relotius bei nächster Gelegenheit malen. Andreas Gabalier, auf den Fall angesprochen, hält Relotius für einen Chefredakteur von "Standard" oder "Falter". Und das Innenministerium überlegt angeblich, ob es dem gefallenen Reportagestar nicht eine Stelle in der Öffentlichkeitsarbeit anbieten soll. "Der Mann hat durchaus Fähigkeiten, die zu unserem Haus passen", soll Herbert Kickl gesagt haben. Ob das stimmt, weiß man nicht. Stand im "Spiegel".

Wo die Wahrheit wirklich zuhause ist, ist selbstverständlich klar: zwischen den Zeilen. Diesen Zeilen. Denn nur Ihr Glossenhauer hat die Wahrheit. Die ganz wahre Wahrheit. Und wünscht Ihnen schöne Weihnachten. Denn zum Fest der Liebe wissen wir wenigstens: Zumindest an dieser Weihnachtsgeschichte ist jedes Wort wahr. Sonst würden wir sie ja auch nicht glauben.