Holger Rust, geb. 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geb. 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Für den heutigen Tagebucheintrag ein literarisches Fundstück, als Beleg meiner Verwunderung, wie man doch immer wieder, egal, was man anfasst, mitten in der österreichischen Kulturlandschaft strandet! Und zwar auf ziemlich verschlungenen Umwegen.

Diese führten mich aus einer Analyse der Aktivitäten junger User auf den Bilder-Blogplattformen Tumblr, Pinterest, Instagram und dergleichen mehr erstaunlicherweise in die Soziologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere zu Georg Simmel (1858-1918). Dies auf der an sich schon umwegigen Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie aus ach so individuell gemeinten Selbstdarstellungen kollektive Hypes und Moden entstehen.

Angeregt wurde dieser Fund durch die erstaunliche These einer Kommunikationswissenschafterin der Rutgers University, Mary Chayko. Sie identifizierte 2015 in einer Sonderausgabe von "Information, Communication & Society" Georg Simmel als den "ersten Web-Theoretiker". Der Blick wird vor allem auf einen Essay Simmels von 1905 gelenkt, in dem er eine "Philosophie der Mode" entwarf.

In dieser Abhandlung erläutert der weltberühmte Soziologe, dem bornierte Repräsentanten damaliger Universitätsverwaltungen im Laufe seines Lebens kaum wirkliche akademische Positionen zuteilwerden ließen, wie aus individuellen Attitüden Moden entstehen:

"Die Mode ist", schrieb Simmel, "der eigentliche Tummelplatz für Individuen, welche innerlich und inhaltlich unselbständig, anlehnungsbedürftig sind, deren Selbstgefühl aber doch einer gewissen Auszeichnung, Aufmerksamkeit, Besonderung bedarf. Sie erhebt eben auch den Unbedeutenden dadurch, daß sie ihn zum Repräsentanten einer Gesammtheit macht, er fühlt sich von einem Gesammtgeist getragen. In dem Modenarren und Gigerl erscheint dies auf eine Höhe gesteigert, auf der es wieder den Schein des Individualistischen, Besonderen, annimmt."

Da war es - der oder das Gigerl -, ein Wiener Stenz als wissenschaftlicher Prototyp! Die Figur entdeckt hat der Journalist Eduard Pötzl (1851-1914). Er beschrieb den (das) Gigerl Ende des 19. Jahrhunderts, einen, so der Historiker Peter Payer, "Snob und eitlen Selbstdarsteller, mit ausgeprägtem Hang zur Übertreibung". Mit seinem "Novitätenhunger" sei der (das) Gigerl, so Pötzl selbst, ein "Repräsentant einer aufs Äußerste gereizten Mode, welche in ihrer Tollheit fast täglich andere Sprünge macht."

Derart also führte der verschlungene Pfad der Erkenntnis vom Internet über Mary Chayko und Simmel zum Gigerl und seinem Entdecker. Und schon löste sich das Rätsel der Frage: Es ist alles irgendwie wienerisch. Das sollten sich vielleicht die Protagonisten der Künstlichen Intelligenz einmal in ihren hermetisch verriegelten Kammern vor Augen führen, wo sie das Echo derer vernehmen und verstärken, die als Street Photographer und Influencer die auf Modemessen herumstreunenden Gigerln ablichten und instagrammieren.