Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.
Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Ach, was wäre Weihnachten ohne Geschenke! Da können die eitlen Konsumverächter noch so schimpfen und mit ihrem Moralzeigefinger wedeln - ich lasse mir die Freude am Schenken und Beschenktwerden nicht nehmen. Selbst Dinge, die ich schon habe, ringen mir ein freudiges Lächeln ab - es ist die Geste, die zählt, nicht der Inhalt.

Ich denke im Übrigen das ganze Jahr ans weihnachtliche Schenken. Wenn ich im Sommer etwas mir passend Erscheinendes sehe, greife ich sogleich zu - wohl wissend, dass ich im Dezember garantiert nicht mehr weiß, was mir da vor ein paar Monaten ins Auge stach. Und da meine Präsente in der Regel kein Verfallsdatum kennen, fristen sie zu Hause ein still verstecktes Dasein, bis sie kurz vor dem Fest in feines Geschenkpapier gekleidet werden.

Was ich allerdings unangenehm finde, sind Menschen, die das Beschenktwerden nicht dankbar-demütig genießen, sondern aller Welt glauben kundtun zu müssen, was sie in diesem Jahr mal wieder Tolles unter dem Baum hatten. Ich nenne sie für mich die Weihnachtsangeber (so wie es die SUV-Angeber, die Handtaschenangeberinnen usw. gibt). Am Stefanitag waren wir bei Bekannten zu Gast, und es dauerte keine drei Minuten bis zum obligatorischen "Schaut mal, was wir dieses Jahr zu Weihnachten bekommen haben".

Wie sich herausstellte, war es ein Geschenk für die ganze Familie, nämlich einer dieser Smart Speaker, die sich alle Welt aus unerfindlichen Gründen jetzt in die Wohnzimmer stellt. Der hier hörte auf den Namen Alexa, und in der nächsten Stunde sprachen wir nicht mehr miteinander, sondern mit diesem Gerät. "Alexa, wie hoch ist der Mount Everest?", "Alexa, wie viele Einwohner hat St. Pölten?", "Alexa, Einkaufsliste!", "Alexa, lachen!"

Wie sich zeigte, war das alles weitgehend belangloses Zeug. Das Unangenehme aber war der Tonfall, der plötzlich am Tisch Einzug hielt. Kein "Bitte", kein "Könntest du" - stattdessen ein harscher Befehlston aus vergangenen Dienstbotenzeiten, verbunden mit einer überdeutlichen Artikulation, der jede Natürlichkeit fehlte. Vor allem bei den Kindern befremdete mich dieses Kommandiergehabe, und ich befürchte, ihre Kommunikation mit realen Zeitgenossen wird davon nicht unberührt bleiben.

Alexa aber erfüllte stoisch alle Anforderungen, die sie erfüllen konnte, verweigerte sich nur manchmal mit einem "Das habe ich nicht verstanden" - und nahm erst irgendwann böse Rache an ihren menschlichen Peinigern. "Alexa, spiel Weihnachtslieder!", forderte barsch eines der Kinder. Und Alexa spielte das schlimmstmögliche davon: "Last Christmas". Fast glaubte ich, die Maschine hat doch so etwas wie einen Sinn für Ironie.