Holger Rust, geb. 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geb. 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Wenn man die populären Zukunftsvisionen für die Bewältigung des persönlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens einmal aufmerksam studiert, fällt auf, dass da ein neuer Berufszweig entstanden ist: jener der Vordenker. Ihr wichtigstes Anliegen scheint zu sein, "komplexe Sachverhalte einfach darzustellen", sodass man "mitreden kann, ohne Fachliteratur gelesen zu haben".

Mitreden kann man dann auch über die Themen, die etwa die neuen Philosophen-Popstars zu ihren vielfältigen Fachkompetenzen zählen: Liebe, Egoismus, Schule, Charisma, Digitalisierung, Tiere, Testosteron, Bücher, Managementstrategie (ein Fachgebiet übrigens, in dem alle brillieren, die je ihre Nase ins Fernsehen gehalten haben, insbesondere Wettermoderatoren und -innen, denn so einen Auftritt muss man erst mal hinkriegen), und natürlich die Zukunft der Zukunft als solche an sich.

Da es nun zu kompliziert ist, darzulegen, was eigentlich ein komplexer Sachverhalt ist, wird die Erläuterung entweder durch das negative Gegenbeispiel - arrogante Fachsprache, Soziologenchinesisch, akademisches Kauderwelsch, elitärer Elfenbeinturm, verkrustete Strukturen - definiert, oder die Herrschaften treten als Reiseleiter auf, das heißt, sie nehmen "uns mit auf eine Reise durch" wahlweise akademische Rätselwelten der Psychologie und der Philosophie oder durch die Spezialgebiete realitätsferner Experten. Die Feinde der Aufklärung sind also identifiziert.

Damit haben Kritiker der akademischen Arroganz sozusagen die selbst erdachte öffentliche Aufgabe, gerade jene hochkomplexen wissenschaftlichen Faseleien, die keiner so recht versteht, zurechtzurücken - insbesondere die magischen Ideen der derzeit großen Mode: Hirnforschung. Nun kann da ja nicht jeder Vordenker wirkliche Fachkompetenzen besitzen - schon deshalb nicht, weil man Vordenker ja nicht willentlich wird, sondern hauptsächlich durch Auftritte in Talk Shows oder durch Bestseller, die komplexe Sachverhalte soweit simplifizieren, dass sie mit den Vorstellungen des Alltagsverstandes übereinstimmen.

Aber simplifyen kann man ja trotz allem. Den Begriff hat ein deutscher Pfarrer und Karikaturist entworfen, Werner Tiki Küstenmacher, der einen Beratungsdienst namens "simplify your life" unterhält, was er konsequent umsetzt, zum Beispiel (obwohl auch er eines ganz sicher nicht ist: Hirnforscher), den komplexen Sachverhalt Hirn auch dem letzten "Hirni" klarzumachen.

Das ist bemerkenswert, weil die Vordenker des Faches davor warnen, auf diesem noch relativ unerforschten Gebiet valide Befunde zu verbreiten. Sogar Manifeste gibt es dazu. Aber wer liest die? Küstenmacher indes hat eine Comic-Figur erdacht, die das trotzdem kann, einen lächelnden Science-Alien: Limbi. Der soll "uns ganz konkret zu einem limbifreundlichen Leben im Fluss mit uns selbst" führen.

Ich werde nun über "Limbi" nachdenken und die Ergebnisse dann mitteilen. Eines weiß ich jetzt schon: Es wird komplex.