Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.
Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

In dem Dorf am Inn, in dem ich aufgewachsen bin, gab es neben zahlreichen adretten Einfamilienhäusern auch noch ein paar schöne alte Bauernhöfe. An einem kam ich jeden Tag auf dem Weg zur Schule vorbei, und über der Eingangstür prangte ein mahnendes memento mori: "Arbeite als könntest du ewig leben, bete als endete morgen dein Leben."

Damals aber, mit acht oder neun Jahren, wusste ich weder, was ein memento mori ist, noch konnte ich diesen Spruch entziffern, denn er war in der mir damals unverständlichen Frakturschrift gehalten. Und so rätselte ich, was diese seltsamen Buchstaben zu bedeuten hatten. "Arbeite als" hatte ich irgendwann heraus, aber statt "könntest" las ich immer nur "Föhntest". Noch seltsamer aber war: Mir erschien eine solche Tätigkeit absolut naheliegend. Denn wenn jemand den Föhn, diesen fürchterlichsten aller Fallwinde, testen konnte, dann ja wohl ich.

Oft gab mir mein schmerzender Schädel schon am Tag vor Föhnlage zu verstehen, dass es bald wieder so weit war, dass das Thermometer nach oben schießen, die Sonne grell und die Sinne benebelt sein würden. Der bayerische Schriftsteller Ernst Hoferichter hat diese Torturen so beschrieben: Bei Föhn werde der Leib zum "biologischen Niemandsland" und gebe "den Weg für Schwindelgefühle" frei. Es soll tatsächlich Menschen geben, die diesen Schwindel als beflügelnd erleben. Für mich ist der Föhn, salopp gesprochen, eine geschissene Gottesstrafe. Föhntage, das sind Tage seelischer und körperlicher Gereiztheit, bestimmt vom Grant (dem "Blues des Südens") und pochenden Schmerzen in den Schläfen.

"Tief im Schlummer aufseufzt die bange Seele", schrieb Georg Trakl in einem "Föhn"-Gedicht, das - wie sollte es sein - nicht zu seinen besten gehört. In Innsbruck gab es sogar die Literaturzeitschrift "Föhn", die aber schon bald wieder ihr Leben aushauchte. Kein Wunder, diese Föhnhochburg überleben nur die Härtesten.

Und so entfloh ich den warmen Winden aus Süden, die schon wieder am weichen Weiß des Winters nagten, jüngst gen Osten, genauer: ins schöne und schneereiche Erzgebirge. Dort, so hoffte ich, würde ich nicht nur im Hotel des ehemaligen Skispringers Jens Weißflog übernachten, sondern auch dem Quälgeist Föhn ein Schnippchen schlagen.

Doch schon nach zwei Tagen erwachte ich mit brummendem Kopf, der Blick aus dem Fenster offenbarte blendendes Sonnenlicht und gefürchtete Schleierwolken. Und tatsächlich: Auch das Erzgebirge kennt den Föhn, zum Glück nur in abgeschwächter Form. Trost bietet da wohl nur noch das Münchner Original Sigi Sommer: "Wer bei Föhn nicht krank ist, ist überhaupt nicht gesund!" So sei es.