Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Es war vor etwa 25 Jahren, als ich einen reich bebilderten Zeitungsartikel über Cornwall las und auf der Stelle beschloss, bei nächster Gelegenheit eine Reise dorthin zu unternehmen. Ich teilte diese Absicht einem Freund mit, der aus London stammt, und dieser warnte mich umgehend: "Du wirst es sehr schwer haben, weil man sofort sieht, dass du ein Fremder bist. Wenn deine Familie nicht seit mindestens zweihundert Jahren in Cornwall ansässig ist, spricht dort niemand mit dir." Ich fuhr trotzdem.

Eine gute Entscheidung. Das Pilotieren eines rechtsgelenkten Wagens auf der linken Straßenseite erwies sich als weit weniger anstrengend als angenommen, und die Gegend sah genauso aus wie in den Rosamunde-Pilcher-Filmen (deren Schöpferin nun verstorben ist): Endlos weite Wiesenflächen, romantische Burgen und kleine Orte mit Teestuben und Pubs. Nur dass halt keine schicke Mittdreißigerin in einem Cabriolet des Weges kam, um auf einen teuer, aber lässig gekleideten Endvierziger zu treffen, der sich eine halbe Fernsehstunde später als ihr Cousin entpuppt und sie um ihre Erbschaft bringen will, oder umgekehrt. Aber das war egal, Cornwall ist auch so eine feine Sache.

In einem dieser kleinen Orte, der zusätzlich zu einem gemütlichen Pub eine tolle mittelalterliche Brücke besaß, sah ich in der Auslage eines Geschäfts ein Schild stehen, auf dem in Schönschrift zu lesen war: "In diesen düsteren Tagen der Rezession, der steigenden Kriminalität und des Vertrages von Maastricht ist es gut zu wissen, dass da jemand ist, auf den man sich verlassen kann: Ihr Milchmann, der Ihnen die Milch in sauberen Flaschen ins Haus liefert."

Ein bizarres Potpourri, in dem Gut und Böse säuberlich getrennt waren: Auf der einen Seite die britische Wirtschaft, mit der es damals in Wahrheit wieder aufwärts ging, ein für mich nicht nachprüfbarer angeblicher Anstieg an Verbrechen und ein anscheinend ebenso bedrohliches europäisches Vertragswerk, das kurz zuvor vom eigenen Land fast zur Gänze ratifiziert worden war. Und als tröstlicher Ausgleich für dieses dreifache Ungemach: der verlässliche Milchmann des eigenen Dorfs mit seinen sauberen Flaschen. Ich war dermaßen beeindruckt, dass ich mir die markigen Worte umgehend notierte.

Und heute? Vielleicht stellt sich der Milchmann gerade die Frage, ob es wirklich so klug war, für den Austritt seines Landes aus der EU zu stimmen, was er vermutlich getan hat. Mein Londoner Freund hat damals übrigens recht behalten: Mit Ausnahme der allesamt reizenden Bed-and-Breakfast-Besitzerinnen, die mich aufnahmen, und eines angetrunkenen Pub-Besuchers richtete tatsächlich fast niemand das Wort an mich.
Trotzdem würde ich gerne wieder einmal nach Cornwall fahren, auch in den kleinen Ort mit der mittelalterlichen Brücke, und, so ich ihn finde, mit dem Milchmann über den Brexit plaudern. Wenn er denn mit mir spricht.