"Wir saßen im Wartesaal, umtobt vom Lärm der Betrunkenen, und sprachen leise und verstanden dennoch jedes Wort, denn wir hörten mit den Herzen, nicht mit den Ohren", so beschreibt Joseph Roth im "Hotel Savoy" ein Gespräch zwischen seinem Protagonisten Gabriel und dessen Freund Zwonimir. Mit dem Herzen sprechen und hören - ungestört von allem, was sich im Hintergrund ereignen mag: Diese Idee könnte man als Ideal eines Gesprächs bezeichnen. Etwas weiter gefasst sogar als Ideal einer fokussierten Tätigkeit schlechthin. Wer wünscht es sich nicht: Konzentriert einer Sache nachzugehen, ohne abgelenkt zu werden?

Schuld am Abschweifen unserer Gedanken ist selbstverständlich das Smartphone, das uns dauernd vorgaukelt, irgendwo in der Welt gäbe es eine Neuigkeit, die interessanter ist als das, was wir jetzt gerade tun (sollten). Diese Problematik haben auch andere erkannt. Software-Entwickler schufen Möglichkeiten, die Geräte so einzustellen bzw. aufzurüsten, dass sie sich - zumindest zeitweilig - von Gegenständen, die Aufmerksamkeit binden, in solche verwandeln, die uns vor Ablenkung schützen.

Wie es aussieht, wenn Menschen von diesen Schutzfunktionen Gebrauch machen, lässt sich am besten in einem Großraumbüro studieren. Im Gemeinschaftsbüro, in dem ich arbeite, tragen die meisten Kopfhörer. Zwei Dutzend Leute sitzen konzentriert vor ihren Bildschirmen. Anrufe, Twitter-Meldungen und sonstige akustische Irritationen werden ausgeblendet. Über allen hängt eine schützende Glocke aus Musik oder beruhigenden Klängen - eingespielt werden Regen, Katzenschnurren oder meditative Gesänge.

Dank kabelloser Technologie und ohrenumschließender Kopfhörer bleiben die Menschen selbst dann in ihrer eigenen Welt, wenn sie kurz aufstehen, um Tortellini mit siedendem Wasser zu übergießen. Obwohl physisch am selben Ort, existieren die Büro-Insassen getrennt voneinander. In Verbindung treten sie nur, wenn sie etwa zum selben Zeitpunkt Milch aufschäumen wollen - und sich so plötzlich bemerken.

Was die Technik nicht schafft: Menschen, die sich im öffentlichen Raum unterhalten wollen, vor Störgeräuschen abzuschirmen: So traf ich vergangenes Wochenende in einem Café in Hamburg eine Bekannte zum Plausch. Das Café war voll - und laut. Als hinter uns zwei Männer Platz nahmen und der eine zu sprechen begann, tat er dies mit einer solchen Intensität, dass alle Gespräche rundherum sogleich erstickt wurden.

Weder Regen-App noch Freisprecheinrichtung vermochten hier zu helfen. Mit dem Herzen hören hätte eine Lösung sein können. Doch wem gelingt das schon, wenn der Ärger wie eine Glocke über ihm hängt?