Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Juristisch gesehen kommt dieser Feiertag natürlich um einiges zu spät. Denn das "allgemeine, gleiche, direkte und geheime Stimmrecht aller Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts" wurde schon am 12. November 1918 beschlossen. Aber ein Gesetz ist immer nur so gut wie seine Umsetzung. Wer weiß das besser als wir Österreicher? Wir haben schließlich eine Verfassung (da stehen schöne Dinge drinnen: etwa die "europäische Menschenrechtskonvention" seit 1958 oder der "Gleichheitsgrundsatz" seit 1975). Neben dieser geschriebenen und daher etwas trockenen, theoretischen, langweiligen Verfassung leisten wir uns daher auch noch eine "Realverfassung". Die ist saftig, voll lebendiger Ungerechtigkeit, irrwitziger Widersprüche und geiler Vorurteile. Und sie ist nicht schriftlich. Sie ist das ungeschriebene Grundgesetz des Staates. Sie wird nur von Österreichermund zu Österreicherohr und am besten nur geflüstert überliefert. Sie enthält die wichtigsten Grundsätze des Zusammenlebens in dieser Republik: "Da könnt ja jeder kommen", "Net deppert fragen", "Hammanetwoimanetbrauchmanet", "Goschen halten, Hände falten", "Aufmucken? Bluat spucken", "Das machen wir jetzt aber ohne Rechnung" und andere eherne Weisheiten. Leider hat die ausschließlich orale Verbreitung kleine Nachteile. So kann es natürlich bei dieser stillen Post über Generationen hinweg zu leichten inhaltlichen Anpassungen kommen. Etwa von "Weil’s fria so Brauch woa und si heit a no g’heat" über die "Harmonie der Stände" zu "in meiner kleinen steilen heilen Welt". Kein Wunder, dass bei dieser doppelten Buchführung der Judikatur mancher Vertreter der Regierung den Überblick verliert, auf welche Verfassung er eigentlich seinen Eid abgelegt hat. Aber dafür gibt es ja das Verfassungsgericht.

Zurück zum freudigen Anlass: Am 16. Februar 2019 jährt sich der Tag, an dem die Frauen dieses Landes ihre Stimme nicht nur abgeben durften, sondern auch tatsächlich konnten. Und bei der ersten Wahl zur konstituierenden Nationalversammlung wurden von 159 Abgeordneten sogar 8 Frauen gewählt. Was einer Frauenquote von fast 5 Prozent entspricht. So mickrig das auch aussehen mag, der Vatikan könnte heute noch etwas davon lernen.

Fun Fact am Rande: Mit dieser Regelung war Österreich damals in Europa Avantgarde. Die Schweiz etwa führte das Frauenwahlrecht erst 1971 ein. Vorher war es durch diverse Volksabstimmungen (bei denen dummerweise nur Männer stimmberechtigt waren) abgelehnt worden. Frauen sollten also vorsichtig sein, wenn wieder einmal einer das "Vorbild Schweiz" besingt.

Der erste Ort der Welt, von dem man weiß, dass dort Frauen wählen durften, waren übrigens - laut Wikipedia - die Pitcairn-Inseln, auf die sich die "Bounty"-Meuterer mit ihren tahitianischen Frauen zurückgezogen hatten. Das aktive und passive Wahlrecht war dort nur an den dauernden Aufenthalt geknüpft. Dort durften also nicht nur die ansässigen Frauen, sondern auch die ansässigen Ausländer wählen. Wahnsinn, oder? Aber vielleicht sind wir in 100 Jahren auf unserer Insel der Seligen auch einmal so weit.

Bis dahin gilt ganz real: "Da könnt’ ja jeder kommen!"