Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Unlängst habe ich an dieser Stelle etwas über die Sesquipedalophobie geschrieben - die Angst vor langen Wörtern. Einleitend zitierte ich aus Mark Twains Essay über die deutsche Sprache: Manche Wörter im Deutschen seien "Prozessionen sämtlicher Buchstaben des Alphabets" - und dass die langen Wortkombinationen, "deren Erfinder man hätte umbringen sollen", nicht in Wörterbüchern zu finden seien, ärgerte ihn zusätzlich.

Der von mir geschätzte Universitätsprofessor Werner Abraham meinte in einem Mail, dass ich dem Autor von "Tom Sawyer and Huckleberry Finn" Unrecht getan habe. Man dürfe das, was er über das Deutsche schrieb, nicht allzu ernst nehmen. Das sei eine Form von Humor, der provokativ und unterhaltsam sein will, und so gesehen dürfe man nicht mit zu viel Sachkritik an Twains Essay herantreten.

Das stimmt. Ich weiß auch, dass Mark Twain recht gut Deutsch konnte. Er lebte einige Jahre in Europa, darunter knapp zwei Jahre in Wien. In seinem Essay "Stirring Times in Austria" beschrieb er das vom Antisemitismus geprägte Klima unter Bürgermeister Karl Lueger. Vor seiner Abreise war Mark Twain zu einer Audienz bei Kaiser Franz Joseph eingeladen.

Mir ging es vor allem darum, einige Merkmale der deutschen Sprache herausarbeiten. Dazu zählen ne-
ben langen zusammengesetzten Wörtern auch die Verbklammer
und das grammatische Geschlecht, das vom natürlichen Geschlecht abweicht. Das Englische hat das nicht, und wenn Muttersprach-
ler des Englischen Probleme mit dem Deutschen haben, so liegt
das in den Unterschieden dieser Sprachen.

Dabei ist das Deutsche mit dem Englischen nahe verwandt. Um wie viel schwerer muss es sein, das Deutsche zu erlernen, wenn man eine Muttersprache hat, die nicht zu den indogermanischen Sprachen zählt!

Ein Freund hat mir vor kurzem einen interessanten Witz erzählt. Die Lehrerin fragt einen Türken: "Bilde bitte einen Aussagesatz!" Türke: "Mein Vater hat eine Dönerbude." Lehrerin: "Gut, bilde jetzt einen Fragesatz!" Türke: "Mein Vater hat eine Dönerbude, weißt du?!"

Zunächst habe ich über diesen Witz gelacht - man lacht ja über jede Art von Karambolage, auch über eine sprachliche. Wenn Buster Keaton von einer Leiter stürzt oder in einen Fluss fällt, lachen wir auch. Aber worum geht es in diesem Witz eigentlich?

Im Deutschen wissen wir anhand der Satzstellung, ob wir es mit einer Aussage oder einer Frage zu tun haben. Ein Aussagesatz geht so: "Mein Vater hat einen Würstelstand." Der Fragesatz hat im Deutschen eine andere Satzstellung: "Hat mein Vater einen Würstelstand?"

Hingegen bleibt im Türkischen die Satzstellung unverändert. Bei einer Entscheidungsfrage - das sind Fragen, die mit Ja oder mit Nein beantwortet werden - wird im Türkischen an das Ende des Satzes die Fragepartikel "mi", "mü" oder "mu" gestellt. Der türkischsprachige Schüler verwendet also den Satzbau seiner Heimatsprache und hängt an den Satz eine deutsche Floskel an, die aus seiner Sicht dasselbe leistet wie die türkische Fragepartikel "mi", "mü" oder "mu". Das deutsche "Weißt du?" erscheint ihm hierfür ideal. So gesehen ist dieser Witz zwar ein Lehrstück, aber er ist nicht besonders witzig.