Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.
Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

Neue Gäste stehen mitunter vor meinen wandhohen, mit Büchern vollgestopften Regalen und fragen: "Hast du die alle gelesen?" - "Zumindest fast alle", lautet die aufrichtige Antwort. Einige habe ich nicht gelesen oder nur angelesen und ihnen dann den Platz eines Lückenfüllers zugewiesen. Diese Bücher haben einen breiten Rücken, sie nehmen die Diskriminierung stoisch hin - wie die schmalbrüstigen übrigens auch.

Viele meiner Bücher habe ich bis zur letzten Seite gelesen - und dann vergessen. An ihren Inhalt kann ich mich entweder gar nicht oder nur dunkel erinnern. Das sind nicht unbedingt schlechte Bücher, es sind vermutlich sogar sehr gute darunter, aber sie haben mich bisher nicht zum nochmaligen Lesen motiviert.

Es gibt Bücher, die man zweimal lesen muss oder will, um sie besser zu verstehen, und solche, die man mehrmals liest, weil man sich mit ihnen immer wieder neu austauschen kann wie mit einem Freund, an dem man neue Seiten entdeckt. Oder es fühlt sich an wie die Rückkehr an einen geliebten, Ort, der noch Überraschungen birgt. Der zweite Durchgang beim Lesen kann ein wunderbares Erlebnis sein, allerdings zumeist nur bei wunderbaren Büchern. Die Ehre, zwei- oder mehrere Male gelesen worden zu sein, wurde in meinem Regal einer überschaubaren Anzahl zuteil. Die Bücher von Goethe, Stefan Zweig, Robert Musil, Fernando Pessoa, Martin Amis, Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard, Ian McEwan und Jeanette Winterson gehören dazu.

Einen Krimi zweimal zu lesen ist eher kontraproduktiv, vor allem, wenn einen daran ausschließlich die Spannung interessiert. Eine "Tatort"-Folge im Fernsehen kann ich mir im Abstand von zwei Jahren zweimal ansehen, weil ich in der Zwischenzeit längst wieder vergessen habe, wer der Täter oder die Täterin ist und ich mich auch im Verlauf der Handlung nicht mehr daran erinnern kann.

Bei einem Buch kommt die Erinnerung schneller und detaillierter wieder. Vorausgesetzt, man liest aufmerksam, aber auch das muss man üben. "Wir lesen falsch. Wir lesen zu wenig selektiv und zu wenig gründlich. Wir lassen unserer Aufmerksamkeit freien Lauf, als wäre sie ein zugelaufener Hund, den wir gleichgültig weiterstreunen lassen, anstatt ihn auf prächtige Beute abzurichten", schreibt Bestsellerautor Rolf Dobelli, von dem ich zwei Bücher gelesen habe, allerdings jeweils nur einmal.

"Viel lesen und nicht durchschauen / ist viel essen und nicht verdauen", bringt ein Sprichwort es auf den Punkt. Das wäre eine eindeutige Aufforderung zum Zweimallesen. Damit das aber nicht zur Pflicht ausartet, hält zum Glück Schopenhauer dagegen: "Zu verlangen, daß einer alles, was er je gelesen, behalten hätte, ist wie verlangen, daß er alles, was er je gegessen hätte, noch in sich trüge. Er hat von diesem leiblich, von jenem geistig gelebt und ist dadurch geworden, was er ist."

Danke, Herr Schopenhauer! Es lohnt sich, Ihre Bücher und Schriften mehrmals zu lesen.