Ich entstamme einer Familie, in der wir als Kinder zu essen hatten, was auf den Tisch kam. In der Regel kostete uns das auch keine Überwindung, denn unsere Mutter war eine gute Köchin, die mit den Zutaten, die im Wesentlichen auf unserem Bauernhof gewachsen waren, täglich frisch gekocht hat. Einzig die Fettbrocken im Reisfleisch sind mir in schauerlicher Erinnerung. Solche habe ich denn auch mehrfach illegal in meiner Hosentasche aus der Küche geschmuggelt. Daran, dass das Fett unauslöschliche Flecken in die Hose macht, hatte ich in meiner Not keine Sekunde gedacht.

Der Essensschmuggel hat jedoch mit der Verbannung von Fettbrocken aus der Küche nicht aufgehört: Bei uns gibt es keinen nennenswerten Süßigkeitenvorrat. Dieser von manchen Familienmitgliedern als Mangel empfundene Zustand führt dazu, dass in meiner Familie tendenziell weniger hinaus- als hereingeschmuggelt wird. Ich war seinerzeit darauf bedacht, dass man mich nicht dabei beobachtete, wie ich die Hühner mit den fettigen Leckerbissen fütterte. Meine Kinder dagegen schleppen Plastiksackerl mit Süßigkeiten ins Haus und lassen die leeren Sackerl auf dem Schreibtisch liegen - oder werfen sie offen in den Müll.

Mütter mögen es nicht, wenn ihre Kinder die Jause wieder mit nach Hause bringen. Eine Schulfreundin meiner Kinder entwickelte wahrscheinlich nicht nur aus Jausengründen das starke Bedürfnis, auf dem Weg von der Schule heimwärts dem nachbarlichen Bauernhof Besuche abzustatten, wo sie Obst- und Gemüseschnitze ebenso wie Käsebrote an die tierischen Bewohner verfütterte.

Als mein Sohn etwa zehn war, warf er nach der Schule rote und gelbe Paprikaschnitze, die noch in seiner Jausenschachtel waren, in hohen Bogen aus dem Fenster auf die Böschung hinter unserem Haus. Dort hielt ich dann Nachschau, weil ich herausfinden wollte, was für eine Blume im Schatten gewachsen sei - und fand die Flug-Paprika vor.

Bei uns gibt es die Regel, dass am Tisch gegessen wird. Dagegen verstoße ich recht häufig, weil ich beim Arbeiten am Computer Äpfel verzehre. Mein Mann genehmigt sich an dieser Stelle bisweilen eine oder zwei Rippen Schokolade. Der Nachwuchs sagt, wir essen heimlich. Als ich kürzlich eine Schreibtischlade voller Mannerschnittenbrösel aufmachte, bemerkte ich, dass das auch die Kinder tun. Und bei uns sogar die Tiere: Unser kleiner Kater Fredi hatte sich unerlaubterweise Essensreste aus dem Kompostkübel genehmigt.

Fredi ist der Einzige, der für die Heimlichtuerei abgestraft wurde: Die in dem Speiserest mitverkochten Zwiebeln bescherten ihm kräftige Übelkeit, weswegen er sich übergab - und wir mit ihm zu Tierarzt sausten, denn Zwiebeln sind für Katzen Gift . . .