Karl Lagerfeld ist gestorben. Das ist zwar keine elementare Überraschung, weil jeder Mensch - memento mori! - früher oder später den Weg alles Irdischen geht. Gehen muss: eine finale, gerechte, tröstliche (oder auch schmerzliche) Egalität. Aber der Zeitpunkt des Todes und bisweilen auch die Umstände lassen oft nicht ungerührt. Auch, wenn man den Verstorbenen gar nicht persönlich kannte. Von Lagerfeld, dem Modezar, wird mir zumindest ein flapsiger Spruch in Erinnerung bleiben: "Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren." Und der irgendwo vermerkte Umstand, dass die Branchenlegende für jede Musikrichtung einen eigens befüllten iPod sein Eigen nannte. Das erschien mir in seiner Rich-People-Pragmatik als verblüffend geniales Technikverständnis. Und tut es heute noch. Man kann dem Tod mit Fatalismus begegnen, mit Galgenhumor, mit den üblichen Betroffenheitsfloskeln und natürlich auch höchst persönlichem, tief empfundenem Wehklagen. Social Media als akkurater Spiegel unserer Gesellschaft dokumentiert alle Formen und Schattierungen öffentlicher Trauer - und macht uns, ob wir wollen oder nicht, zu Begräbnisteilnehmern. Manche drücken sich nur wortlos im Hintergrund herum, andere ergehen sich in dramatischen Abschiedsworten und -gesten. Ich selbst ertappe mich oft, sofern nicht wirklich mein tiefstes Inneres berührt ist, bei beiläufigen Aufmerksamkeitsbekundungen. "R.I.P." steht dann in Facebook zu lesen, "Ruhe in Frieden". Oder Ähnliches. Mehr fällt mir nicht ein. Aber warum schreibe ich es hin, wie tausende andere auch? Weil diese Formel in ihrer Banalität trotzdem ein Zeichen setzt? Sie die befreiende Wirkung eines Stoßseufzers oder die Absolutionskraft eines Spontangebets hat? Man auch in letzten Dingen noch zwanghaft eitel Aufmerksamkeit hascht? Wahrscheinlich von allem etwas. Mit Lagerfeld verband mich Modemuffel, streng betrachtet, nichts. Außer eine zufällige jahrzehntelange Zeitgenossenschaft. Insofern blieb ich in diesem Fall kühl. Habe auf Beileidskundgebungen verzichtet.
Und trotzdem - das ist wohl die gravitätische Macht überwirklicher, weltumspannender Prominenz - diese Zeilen hier zu Papier gebracht. Pardon: auf den Monitor. Dennoch wird bald, auch das lässt sich in den sozialen Medien eindrücklicher beobachten als sonst wo, Ruhe einkehren. Ewige Stille.
Ein finales Schweigen.

Zuvor aber möchte ich noch zwei Dinge erwähnen, die verstören. Dinge, die ich an mir selbst beobachtet habe. Vielleicht ist es Ihnen schon ähnlich ergangen? Erstens: Man ertappt sich dabei, den letzten Lebensregungen des frisch Verstorbenen auf Facebook, Twitter & Co. nachzuspüren. Als könnte man die feine Trennlinie zwischen Leben und Tod, zwischen Unschuld und Schicksal, zwischen Ahnung (bzw. Ahnungslosigkeit) und Gewissheit markieren. Oder gar mit dem Verstand ergreifen. Zweitens: Ich neige dazu, Tote nicht aus der Liste der Freunde und Follower zu streichen. Was oft - an Geburtstagen, aber auch zu sonstigen Anlässen - zu Wiederbegegnungen führt. Nicht immer trostreichen. Ein seltsames Gefühl: Dass in dieser Welt und dieser Zeit Tote erst wirklich tot sind, wenn wir alle die Löschtaste gedrückt haben.