Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Wir erleben es Tag für Tag: Eine öffentliche Person, eine Institution oder ein Unternehmen wird in den sozialen Medien "wie in einem Sturm mit Scheiße beworfen". Ich habe diese drastische skatologische Formulierung deshalb gewählt, um zu zeigen, dass Shitstorm kein feiner Ausdruck ist. Aber wer denkt schon bei der Verwendung dieses englischen Wortes an die eigentliche, an die wörtliche Bedeutung? Für uns ist Shitstorm "eine unvorhergesehene, anhaltende, über soziale Netzwerke und Blogs transportierte Welle der Entrüstung". An Exkremente denken wir nicht. So ist das manchmal bei Entlehnungen aus einer anderen Sprache.

Aber ist es überhaupt eine Entlehnung? Fakt ist, dass englisch shitstorm etwas anderes bedeutet: eine chaotische Situation ganz allgemeiner Natur. Hinzu kommt noch ein zweiter Unterschied: Während das deutsche Shitstorm als Grenzfall

des Standards einzuschätzen ist, wird englisch shitstorm als vulgär eingestuft. Das englische und das deutsche Wort sind - wie es in
der Sprachwissenschaft heißt - "falsche Freunde": Es besteht nur der Anschein, dass sie dasselbe bedeuten.

Die deutsche Bundeskanzlerin hat dies mehrmals zur Kenntnis nehmen müssen, zuletzt im vergangenen Dezember. "Amerikaner und Engländer staunen über Merkels Obszönität", schrieb damals Matthias Heine, der Sprachbeobachter der Tageszeitung "Die Welt". Bei einem Digitalgipfel hatte Angela Merkel an eine frühere Wortwahl in Bezug auf ihr Verhältnis zum Internet erinnert: "Ich habe früher ‚Neuland‘ gesagt, das brachte mir einen großen Shitstorm ein. Jedenfalls ist es in gewisser Weise noch nicht durchschrittenes Terrain."

Bei englischen Muttersprachlern sorgte die Redepassage, die vom Regierungssprecher auf Twitter verbreitet wurde, für Irritation und Heiterkeit, wie die "New York Times" damals meinte. Der Fernsehjournalist David Simon staunte, dass ein Volk, das der englischen Sprache die Wörter "goetterdaemmerung" und "schadenfreude" beschert hat, offenbar über kein eigenes Wort für das Phänomen Shitstorm verfügt.

Aber es fällt mir schwer, diese Entrüstung über Angela Merkel nachzuvollziehen. Die deutsche Kanzlerin darf doch zu den Deutschen so reden, wie die Deutschen reden, oder nicht? Vermutlich hing die Reaktion der "New York Times" auch damit zusammen, dass im deutschen Sprachraum eher mit skatologischen Wörtern wie "Scheiße" geschimpft wird, in den USA hingegen eher mit sexuellen Ausdrücken wie "fuck". Und das Wort "fuck" ist inzwischen sogar in der sogenannten besseren Gesellschaft salonfähig geworden. Darüber wundern wir uns.

Wenn wir Deutschsprachler kritisiert werden, dass wir kein deutsches Wort für einen Shitstorm im Internet haben, dann sollten wir den Spieß auch einmal umdrehen: Wieso haben eigentlich die Amerikaner und die Engländer kein Wort für jene Vorfälle im Netz, die wir Shitstorm nennen? Am ehesten leistet noch firestorm in seiner übertragenen Bedeutung dasselbe.

Verdeutschungsversuche von Shitstorm sind übrigens gescheitert. "Empörungswelle im Internet" oder "öffentlicher Entrüstungssturm" sind sperrige Ausdrücke. Der Shitstorm wird uns erhalten bleiben.