Keine Ahnung, ob das Genre Italo-Western noch hoch im Kurs steht. Ich vermute eher das Gegenteil. Die Zeiten, als ein Regisseur wie Sergio Leone Kinogrößen wie Henry Fonda, Claudia Cardinale und Charles Bronson in grandiose Landschaften und schaurig-stimmige Kulissen verfrachtete und zu noch grandioseren Soundtracks von Ennio Morricone operngleiche Showdowns inszenierte, sind einige Jahrzehnte her. Was in Erinnerung blieb: Am besten kamen diese Streifen auf riesigen Leinwänden in adäquat großen Lichtspieltheatern. Teil des Erlebnisses war der ansteckende, publikumsverbindende Thrill in einem vollgesteckten Saal - Momente, in denen das Rascheln der Popcorn-Tüte und das Sportgummi-Geschmatze vom Nachbarsitz verstummten. Und das Filmgeschehen für durchschnittlich neunzig Minuten die Wirklichkeit verdrängte.

Durchaus schöne Erinnerungen. Die Realität heute ist härter, als es jedes Spaghettiwestern-Drehbuch je war. Zumindest für Kinobesitzer und -betreiber. Ihre Betriebe kämpfen mit einem dramatischen Besucherrückgang. Minus zehn Prozent anno 2018 in Österreich, in Deutschland gleich minus 13,9 Prozent. In Paris sperrte gar das letzte Pornokino zu. Europaweit war’s nicht so wild: Ein Minus von 3,3 Prozent nach einem rekordverdächtigen Vorjahr liegt im Schnitt. Die Filmbranche ist dennoch alarmiert. Warum? Meine Behauptung lautet: Weil man instinktiv erahnt, dass das gute alte Kinoerlebnis nicht mehr das ist, was es einmal war. Faktoren wie das Wetter, die Konjunktur oder die Konkurrenz durch übermächtige Sport-Großveranstaltungen (z.B. eine Fußball-WM) können weder Produzenten, Verleihe oder gar Kinobetreiber beeinflussen. Das, was in den Lichtspielhäusern und Cineplexx-Multisälen läuft, schon. Richtige Blockbuster sind aber selten geworden. Hollywood erschöpft sich zunehmend in Fortsetzungen einstiger Erfolgsrezepte, der europäische Film liegt trotz milliardenschwerer Förderungen streckenweise in (Schein-)Agonie - und den heimischen Produzenten wird vorgeworfen, populäre Stoffe zu verschmähen und auf öde Bedeutungsschwere zu setzen, die kaum Zuseher findet. Ob zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt.

Hand auf’s Herz: Gehen Sie noch ins Kino? Ich ja kaum. Am Repertoire, das Mutiplexxe, Filmpaläste, Provinz-Lichtspielhäuser und Arthouse-Programmkinos zeigen, liegt es eher nicht: Dafür ist es einfach zu groß und breit. Das Problem liegt auf der Hand, zumindest aus meinem eher technisch orientierten Blickwinkel: Das Kino stirbt, wenn es denn stirbt, im Einkaufszentrum. Im Wohnzimmer feiert es fröhliche Auferstehung. Wenn jeder Hilfsarbeiter daheim längst einen 65-Zoll-HD-Bildschirm samt 7.1-Dolby-Surround-AV-Receiver, mächtigen Lautsprechern, Bluray-Player und/oder Netflix-Direktwahltaste stehen hat - warum sich dann den teuren Spaß antun und in die Lugner City hatschen?

Die Industrie tut das ihre dazu: Wenn ich nur noch wenige Wochen zuwarten muss, bis der neueste Schinken auch außerhalb der "Erstverwertungs"-Kinoketten zu sehen ist, bringe ich die Geduld gerne auf. Auch als Filmfreak. Ein apokalyptischer Showdown im eigenen Patschenkino ist doch um einiges gemütlicher.