Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.
Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

Unter den gängigsten Ängsten hinsichtlich der Angst vor dem Arzt - selbige bekannt auch als Iatrophie - ist die Angst vor der Spritze dem Vernehmen nach vorne mit dabei. Spritzen stressen, Spritzen nerven - obwohl die von ihnen ausgelöste Phobie ihre Vorzüge hat. Zum Junkie wird man als Trypanophobiker eher nicht. Die Angst vor (dem eigenen) Blut hängt mit der Spritzenangst bisweilen zusammen und rangiert in der Hitliste der Arzt-Ängste auf ähnlich hohem Niveau. Hurra! Zumindest die hartgesottenen Freunde des Blut- und Beuschelfilms ("Sipp-sipp", "Iiits-iiits", "KCHCH! AARRGH!!") bedanken sich an dieser Stelle für die Erinnerung und tragen sich die Vorsorgeuntersuchung gleich mit dem Rotstift in den Kalender ein. Herr Doktor, haben Sie auch Kettensägen statt Spritzen? Äxte vielleicht? Wenigstens Beilchen?? Ach.

Die unangefochtene Nummer eins aber bleibt die Angst vor der Diagnose. Sie ist der kleinste gemeinsame Nenner, der im Patientenvolk die Laufkundschaft mit dem Hypochonder verbindet und Atheisten wie konfessionell Gläubige bereits an ihrer Religion zweifeln ließ. Speziellere, also Feinschmecker-Ängste mit Arzt-Bezug finden wir auf den Plätzen: Angst vor Plastikschnittblumen im Wartezimmer, Angst vor Bakterien in der "Autorevue", Angst davor, statt der E-Card die Mitgliedskarte des Swingerclubs vorzulegen. Angst aber auch vor Hygieneseife oder dem Geräusch, das der Plastikhandschuh macht, wenn ihn der Arzt über sein Händchen zieht - oder die Angst, ohnmächtig zu werden und sich bei Wiedererlangen des Bewusstseins nackt an eine Streckbank gefesselt als Versuchskaninchen an Bord eines Raumschiffs nahe dem Orion Aliens mit Tentakeln und fußballgroßen Glubschaugen gegenüberzusehen.

Mir bisher unbekannt in Zusammenhang mit dem Arzt war die Angst vor Musik. Die kenne ich von Spaziergängen durch die Fußgängerzone oder dem Massageraum in der Therme, wenn die Panflöte loslegt - oder von einem Konzertbesuch bei Andreas Gabalier. Schlimmer geht es eigentlich nicht, aber: Wenn man in einer Ordination während der Untersuchung die Lippen ganz fest zusammenpresst, damit man nicht schreit, und die Ärztin dabei "Knockin’ On Heaven’s Door" auf der Kompaktanlage laufen lässt, stellen sich doch zumindest drei Fragen. Jene, ob die Frau eh Humor hat, gerade nicht mitdenkt - oder ob sie sich die Diagnose lieber ersparen will und Guns N’ Roses als Verkünder des Unheils voranschickt.

Ich bin also gegen Musik in Ordinationen. Ich bin aber auch für die Inhaftierung von R. Kelly und das Streichen seiner Musik aus sämtlichen Playlists. Eine alte Angst wird von der Vorstellung wieder ausgelöst, dass der Pilot des nächsten Urlaubsfluges während der Arbeit "I Believe I Can Fly" hören könnte. Über den Wolken würde das Schaudern wohl grenzenlos sein.