Der Mensch ist ein analoges Wesen. Man muss das in aller Deutlichkeit festhalten. Denn: Das Analoge - also alles, was sich nicht in Nullen und Einsen zerlegen und als Binärcode darstellen, speichern und weiterverarbeiten lässt - gilt längst als gestrig, veraltet, überholt. Das ist natürlich polemisch formuliert. Aber der grassierende, annähernd religiöse Glaube an die Digitalisierung der Welt macht staunen. Ist Digitalisierung Selbstzweck? Der Schlüssel zu einer goldenen Zukunft? Sagen wir einmal so: Man entkommt ihr nicht, auch wenn man sich jedem Nachsinnen über diese Fragestellungen verweigert. Aber noch leistet jedes Spatzenhirn mehr als künstliche Intelligenz, jeder Schalterbeamte ist (wenn er gut aufgelegt ist) flexibler als jeder Fahrkartenautomat, jede App ist nur ein Puzzlestein der eigenen Bequemlichkeit. Und Roboter sind, wenn wir nicht in Fabrikhallen lugen oder selbstfahrende Staubsauger als solche bezeichnen wollen, meist nur exotische Ausstellungsstücke und putzige Showattraktionen. Dennoch sind die Medien voll mit Zukunftsvisionen, die sich nur partiell angenehm anfühlen. Wir alle - oder viele von uns - würden bald schon "wegdigitalisiert". Nicht nur stupide, anstrengende, manuelle Jobs seien in Gefahr, von Maschinen übernommen zu werden (war das nicht schon eine Verheißung der ersten, zweiten, dritten industriellen Revolution?). Auch die Dienstleistungsgesellschaft sei am Zerbröseln. Taxifahrer, Bankbeamte, Steuerberater, Supermarkt-Kassierinnen, Check-in-Personal, ganze Reisebüro-Belegschaften. Wer braucht sie noch in Zukunft? Wir haben uns doch eh schon weitgehend an Selbstbedienung gewöhnt. Aber die Umwälzungen der Gegenwart greifen tiefer, wirken umfassender und radikaler. Unternehmen, die im Bereich der Digitalisierung zu zögerlich, falsch oder gar nicht handeln, werden von Myriaden hungriger Start-ups attackiert und von der Bildfläche verschwinden. So zumindest beschwören es Technikexperten, Change Manager und Unternehmensberater. Und ausnahmsweise hat man das Gefühl, es ist nicht nur ein Weg, die eigene Kassa klingeln zu lassen. Lassen sich die Laptop-Kassandras von McKinsey & Co. eigentlich auch hinwegrationalisieren? Das wäre eine tröstliche Aussicht. Revolutionen fressen bekanntlich gern die eigenen Kinder.

"Die Menschen werden sich nach etwas anderem als Arbeit umsehen müssen." Zu diesem einfachen, aber disruptiven Schluss gelangte Freeman Dyson, Physiker und Mathematiker an der Uni Princeton und laut dem Fachmagazin "Scientist" einer der führenden Denker des vorigen Jahrhunderts. Dyson ist kein Utopist. Sondern Realist. Es liege an uns, was wir mit den technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts anfangen. Auch wenn Wirtschaft und Politik ungebrochen den Wert der Arbeit zum Fetisch stilisieren: Es findet eine radikale Entwertung statt. Es könnte eine Befreiung sein. Und dieseFreiheit, sagt Dyson, wird eine analoge sein. "Wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch kein digitales Wesen ist, dann erkennen wir, das sein Denken ihm Welten eröffnet und Fähigkeiten verleiht, die eine Maschine nie erreichen wird. Denken Sie an bildende Kunst, Literatur, Musik. Das alles kann der Mensch. Die Maschine kann es nicht. Und wird es, wahrscheinlich, auch nie können."