Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".
Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Hier wird der Gedanke "Ich muss schmunzeln!" auf das absolute Minimum reduziert, nämlich auf den Wortstamm des Verbums. Am Beginn und am Ende wird jeweils ein Sternderl gesetzt, weil dies in den meisten Programmen automatisch zu Fettdruck führt.

Ein zweites Beispiel - Diskussion zweier Informatikstudenten: "Irgendwie bin ich zu blöd, den Mittelwert zu berechnen. dummdreinschau Wie mach ich das?" Hier wird "Ich schau dumm drein!" so weit wie möglich verkürzt, das Adjektiv "dumm" und das Verbum "dreinschauen" werden verschmolzen.

Die Sprachwissenschafter nennen solche Konstruktionen "Inflektive". Bekannter sind sie als "Erikative", benannt nach Erika Fuchs (1906-2005) - sie hat mehr als 40 Jahre lang die amerikanischen Comic-Geschichten für die deutschen Micky-Maus-Hefte übersetzt. Aus englisch sigh wird im Deutschen seufz . Erika Fuchs hat sich außerdem bemüht, zahllose versteckte Zitate und literarische Anspielungen einzubauen, die in den Originalen gar nicht enthalten waren. Das ist ihr wohl höher anzurechnen als die Übertragung der endungslosen Verben ins Deutsche, wofür nun ihr Name steht.

Ächz , grummel , schluck war schon in den Sechzigerjahren der Schrecken aller Deutschlehrer. Heute haben die "Erikative" aus einem anderen Grund Hochkonjunktur. Wer ein E-Mail oder ein SMS schreibt, will Zeit und Platz sparen, er lässt alles weg, was zur Verständigung nicht unbedingt notwendig ist. Das Prinzip wird jetzt nicht mehr ausschließlich dazu verwendet, um Lautäußerungen und Geräusche wiederzugeben. So gut wie jedes Zeitwort kann auf seinen Wortstamm reduziert werden, sofern es im weitesten Sinn dazu dient, Gefühle auszudrücken. Aus "Ich freue mich!" wird freu , aus "Es ist zum Heulen!" wird heul , aus "Ich umarme dich!" wird knuddel .

In der Wissenschaft streitet man darüber, was von dieser Entwicklung zu halten ist. Die einen sehen darin eine neue Dimension der Verständigung. Es handle sich um einen Versuch, all das schriftlich auszudrücken, was in der mündlichen Kommunikation nur durch Mimik, Gestik oder durch Körperhaltungen vermittelt wird. Die anderen befürchten eine sprachliche Verarmung. Es werde nicht mehr lange dauern, bis die Jugend den Gebrauch der Verb-Endungen verlernt hat.

Dass in der sprachlichen Entwicklung auch Furchtbares passieren kann, zeigt ein anderes Beispiel. In Norddeutschland verwenden Jugendliche in Internetforen inzwischen nen als eine Art Einheitsartikel - egal ob Geschlecht oder Fall passen. Von den Internetforen breitet sich diese Unsitte immer weiter aus. Die folgenden Zitate stammen aus den deutschen Untertiteln der MTV-Serie "Pimp my ride".

Aus "Was kriegt der VW-Bus für einen Look?" wird "Was kriegt der VW-Bus für nen Look?" Damit kann ich mich gerade noch abfinden, wenngleich es mir schwer fällt. Denn in unseren Mundarten kürzen wir den unbestimmten Artikel in der umgekehrten Weise ab: "Wos kriagt da Bus für an Look?"

Beim nächsten Beispiel packt mich das Grausen. "So schnell ging das Leerräumen des Autos noch nie. - Was für nen Leerräumen?" Ein anderes Beispiel, diesmal aus einem Forum: "Abends haben wir ein paar Outlet Stores abgeklappert und ich hab mir von Jennifer Lopez nen Shirt gekauft." Ich muss aufhören, die Beispiele bereiten mir körperlichen Schmerz . . .

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