Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".
Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Lieber Zwiebelfisch! Du hast zwei großartige Bücher geschrieben, die auch in Österreich gern gelesen werden. Im Untertitel bezeichnest Du sie als "Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache" - wie Recht Du hast!

Was Deinen Landsleuten bei der Rechtschreibreform und bei der anschließenden Reform der Reform eingefallen ist, geht ja auf keine Kuhhaut. Ihr habt also den Irrgarten selbst angelegt.

Wir in Österreich können dann nichts anderes tun, als nachhüpfen, was ihr uns vorgehüpft habt.

Über viele Deiner Kolumnen können auch wir herzhaft lachen. Auch unsere Sportjournalisten haben diese Sucht nach Synonymen. Bei der Fußball-WM erleben wir das Tag für Tag: Es reicht ja nicht, dass man die Franzosen einfach "Franzosen" nennt, nein, sie sind "Les Bleus", "die Blauen" oder "die Grande Nation". Die "Argentinier" heißen "die Gauchos", die Mexikaner "die Azteken", die Spieler von der Elfenbeinküste "Elefanten". Und Ihr Deutschen seid "die Klinsmänner", na ja, das ist weniger originell. Wer in der Berichterstattung die meisten Ersatzwörter gebraucht hat, wird wahrscheinlich zum "Sportjournalisten des Jahres" gewählt. Auch bei uns wird "vierzehntägig" und "vierzehntäglich" gern verwechselt, genauso "hinauf" und "herauf", "hinunter" und "herunter". Statt E-Mail liest man leider oft e-Mail, eMail oder gar Email, und die Sprache der Politiker ist auch bei uns Phrasendrescherei.

Ich muss aber auch ein wenig Kritik üben. Als Mann des Nordens hast Du für unsere Sprachgewohnheiten nichts übrig. Dieses Gefühl haben nicht nur wir in Österreich, sondern auch viele Deiner Leser im Süden Deutschlands. Warum bist Du so einseitig?

Es fängt schon beim Titel Deiner Bücher an: "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod". Da machst Du Dich wohl über uns lustig. In unserer Mundart gibt es nämlich keinen Genitiv. Wir sagen: "dem Vatern sein Huat" oder "der Huat vom Vatern". Das klingt irgendwie netter als "Vaters Hut". Wie klingt "Der Dativ ist des Genitivs Tod"? Wie kalter Kaffee! Als Buchtitel unbrauchbar!

Auch wenn Du über die verschiedenen Tempora schreibst, hast Du Deine norddeutsche Brille auf. Die Form "Ich hab es vergessen gehabt" ist eine völlig normale Zeit. Wir verwenden sie deshalb, weil wir in der Alltagskommunikation im Perfekt erzählen und für Vorzeitiges ein eigenes Tempus brauchen. "Ich hab es vergessen gehabt, doch dann ist es mir wieder eingefallen."

Die Zeit wird übrigens von den Grammatikern "doppeltes Perfekt" genannt, Du nennst sie "Ultra-Perfekt", siehst darin einen "Hausfrauenjargon" und meinst, da zeige sich ein "Hang zur Verdoppelung" - zum Lachen!

Im zweiten Band lese ich vom "Präteritum der Höflichkeit". "Sie wollten Seeteufel?" sagen bei Euch die Kellner, nachdem sie die Bestellung aufgenommen haben - obwohl sie genau wissen, dass Du Seeteufel bestellt hast.

Ein österreichischer Kellner würde sich niemals so ausdrücken. Unsere Kellner verwenden als Form der Höflichkeit den Konjunktiv: "Sie hätten also gern einen Seeteufel?"

Auch die Ermittler in den Fernsehkrimis fallen nicht mit der Tür, sondern mit dem Konjunktiv ins Haus. "Wir hätten Ihnen gern ein paar Fragen gestellt . . ." sagen sie zum Täter, ehe die Handschellen klicken.

Während bei Euch der Konjunktiv auszusterben scheint, treibt er in unserer Mundart seine schönsten Blüten. Bei einigen Wörtern gibt es mehr Konjunktive, als Ihr Fußball-WM-Titel habt. "I kennt", "I kenntat", "I kannt", "I kanntat", "I kunnt", "I kunntat", "I tat kenna". Das alles heißt so viel wie "ich könnte".

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