Der Jubel in Deutschland nach der Wahl von Joseph Ratzinger zum Papst war groß. In ihrer Ausgabe vom 20. April 2005 bringt es die "Bild-Zeitung" mit folgenden Worten auf den Punkt: "Wir sind Papst!"

Dieser Satz ist oft zitiert worden, viele haben ihn auch belächelt. Jedenfalls war er Gesprächsthema. Schon eine Woche später hat "Bild" ganz stolz seinen Lesern verkündet: "Eine Schlagzeile wird Kult!" - und Oscar Wilde als Zitatengeber bemüht: "Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung". Als Beweis für den Kultstatus hat das Blatt ein eingesandtes Foto veröffentlicht: Es zeigt eine U-Bahn-Brücke mit dem Graffiti "Wir sind Papst!"

Wenig später hat sich allerdings herausgestellt, dass "Bild" einem Scherzbold auf den Leim gegangen ist. "Letter James" bietet im Internet Postkarten an, die man selbst beschriften kann. So war es nur ein Kinderspiel, die Worte "Wir sind Papst!" in das Foto einer U-Bahn-Brücke zu montieren - der Computer macht's möglich.

Seit dem Jahreswechsel wird in den österreichischen Medien der "Bild"-Aufmacher eifrig kopiert. Die österreichische Variante ist schon in einem ORF-Interview mit Bundeskanzler Wolfgang Schüssel im Mittagsjournal vom 30. Dezember 2005 gefallen: "Herr Bundeskanzler, wenn wir in Deutschland wären, dann würde die Schlagzeile am 1. Jänner in der ,Bild-Zeitung' vermutlich lauten ,Wir sind Präsident'. Welche Schlagzeile würden Sie sich am 1. Jänner wünschen?" Dass Schüssel bei der Beantwortung der Frage ins Schwitzen gekommen ist, können wir ausschließen. Er hat sich auch gar nicht bemüht, eine Schlagzeile zu erfinden, sondern die bekannten Stehsätze zur EU-Präsidentschaft heruntergespult.

"Wir sind Präsident" hieß es auch am 2. Februar in einer Kolumne des "Standard" mit dem Titel "EU-Kommunikation oder Wahlkampf?

Ein Glücksfall, wenn sich Nationalstolz und EuropäerInnentum sechs Monate lang vereinen". Und die Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" lud zu einer Pressekonferenz unter dem Motto: "Wir sind Präsident ... aber sind wir auch Menschenrechtspräsident?" Die Belegstellen würden inzwischen einen Aktenordner füllen - was die "Bild-Zeitung" sicher freut, denn erst damit hat sich die Prophezeiung im Sinn von Oscar Wilde so richtig erfüllt.

Es glaube übrigens keiner, dass es sich dabei um schlechtes Deutsch handelt. "Wir sind Papst" ist eine elegante rhetorische Figur, ein "Tropus". Der Begriff leitet sich über das Lateinische von griechisch trópos (= Wendung) ab und bezeichnet die Vertauschung (immutatio) des eigentlichen Ausdrucks (verbum proprium) durch einen uneigentlichen, d. h. nicht-synonymen Ausdruck.

Die gängigste Form findet man in der Geschichtsschreibung, und zwar in Sätzen wie: "Alexander eroberte Persien". Natürlich ist Alexander nicht allein in der Lage gewesen, Persien einzunehmen, dieser Verdienst gebührt schon auch seinem Heer. Aber an Stelle der Soldaten wird der Heerführer genannt - und alle wissen, was gemeint ist.

"Wir sind Papst!" ist der umgekehrte Fall - der eigentliche Ausdruck, den man erwarten würde, nämlich die Person "Karl Ratzinger", wird durch ein Kollektiv ersetzt, nämlich "wir". Das klingt ein wenig schräg, ist als rhetorische Figur aber vertretbar.

Wenn man späteren Recherchen glauben darf, dann war es "Bild"-Redakteur Georg Steiner, der den Aufmacher erfunden hat. Vermutlich hat er an "Wir sind Weltmeister!" gedacht. Auch hier werden zwei Ausdrücke vertauscht. Wenn Deutschland tatsächlich auf heimischem Boden Weltmeister werden sollte - man weiß ja nie -, dann ist das ein Verdienst der Fußballnationalmannschaft. Aber ein Volk von 80 Millionen würde jubeln: "Wir sind Weltmeister!"

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