Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Als ich zum ersten Mal in Paris war, führte unser Weg, nachdem Notre-Dame, Louvre, die Impressionisten und der Eiffelturm besichtigt waren, nach Montmartre. Das war in den 1960er Jahren für einen Wiener Buben, der noch keine Weltstadt gesehen hatte, ein tolles Schauspiel. Enge Gassen, in denen der Unrat im Rinnsal schwamm, kleine Bars, aus denen lautes Stimmengewirr ins Freie drang und eine Unmenge von Leuten, die durcheinander drängten und Zigaretten rauchten.

Am buntesten ging es auf dem Place du Tertre zu. Überall standen Männer in farbbeklecksten grauen Mänteln vor ihren Staffeleien. Die einen malten den Platz mit Blick Richtung Sacré-Coeur, die anderen fertigten Porträts von Touristen an, die auf einfachen Holzsesseln vor ihnen saßen und versuchten, stillzuhalten. Natürlich bat ich meine Eltern, mich auch zeichnen lassen zu dürfen, aber sie bezweifelten, ob so ein Porträt mir wirklich ähnlich sehen würde. Und so verließen wir Montmartre ohne ein Jugendbildnis von mir. Als mein Vater mir allerdings erzählte, dass hier vor etlichen Jahrzehnten einige der Künstler unterwegs waren, deren Werke wir zuvor im Museum bewundert hatten, wünschte ich den vielen Malern inständig, dass irgendwann auch eines ihrer Bilder neben einem Toulouse-Lautrec oder einem Picasso hängen würde.

Als ich unlängst mit einem Kollegen in der U-Bahn fuhr, nahm schräg vis-à-vis von uns ein junger Mann Platz, dem Aussehen nach aus einem osteuropäischen Land stammend. Er betrachtete uns interessiert, entrollte einen Bogen Papier, nahm einen Kohlestift aus der Jackentasche und begann, Linien zu ziehen. Wie sich bald herausstellte, war ich es, den er zeichnete. Eine durchaus spannende Situation: Der Maler wusste nicht, wie lange er noch Zeit hatte und ob er bis zu meinem Aussteigen sein Bild vollendet haben würde, und ich konnte nicht sehen, wie weit er mit seiner Arbeit schon war.

Schließlich nahte meine Station. Ich hatte mich inzwischen - egal, wie weit fertiggestellt, ob mir ähnlich oder nicht - zum Ankauf entschlossen, trug jedoch zu wenig Bargeld bei mir, um den jungen Künstler entsprechend honorieren zu können. Mein Kollege sprang mir mit einem Schein bei, ich erhielt das Porträt ausgefolgt, und wir stiegen aus.

An der Oberwelt angekommen, betrachteten wir das Werk: ein freundlicher und doch kritisch blickender Herr mittleren Alters, die Frisur lediglich angedeutet, der Hintergrund nur zur Hälfte ausgeführt, darunter Jahreszahl und Name. "Unvollendet" würde auf dem Schild stehen, wenn das Bild im Museum hinge.

Zu Hause wurde mir mitgeteilt, dass die Ähnlichkeit nicht besonders groß sei. Inzwischen hat das Bild einen Rahmen bekommen, und ich bin gerade auf der Suche nach einem würdigen Platz. Man muss heutzutage nicht nach Paris fahren, um sich porträtieren zu lassen. Wien ist in dieser Hinsicht auch eine Weltstadt geworden.