Zu den größten Gefahren, auf die Touristen in der Wiener Innenstadt stoßen können, gehöre ich. Was soll denen auch schon groß passieren bei uns? Schlimmstenfalls ist das Schnitzel schlecht. Nur verlaufen kann man sich ganz gut in Wien. In solchen Fällen fragen Touristen gerne einen Polizisten nach dem Weg. Oder sie finden mich. Was in der Regel ein fataler Fehler ist.

Ich bin kurzsichtig und ganz in meinen Gedanken versunken, wenn ich durch die Wiener Innenstadt spaziere, und Straßennamen kann ich mir sowieso nicht merken. Trotzdem bleibe ich höflich wie ein britischer Bobby, wenn mich unverhofft ein Tourist was fragt. Das ist quasi mein persönlicher Feldzug gegen die allgemeine Unhöflichkeit, die uns Wienern von Menschen nachgesagt wird, die zum Beispiel nicht einmal wissen wo das Kunsthistorische Museum ist. Trotzdem. Besser blöd fragen als blöd sterben. So sehe ich das. Wenn ich was sehe.

Im Moment sehe ich nichts. Zumindest nicht auf dem Smartphone, das mir die aufgeregte Russin entgegenhält. Sie und ihre vier Freundinnen, allesamt ähnlich aufgeregt und flatternd unterwegs, wollen irgendwohin. An einen Ort, zu einer Straße, einer Adresse, die aus ihrem Mund so klingt wie eine jahrtausendealte Naturheilsalbe aus Sibirien. Wie eine Wiener Adresse klingt sie nicht.

Kam gut an, dass ich eine Lupe dabei hatte. Eine Russin hat sogar ein Foto davon gemacht, wie ich mich mit meiner Lupe über das Handy der anderen Russin beuge. Eh klar, Liechtensteinstraße. Das is not difficult, sage ich, nämlich gleich nach vorne bis zur Kreuzung, dann left und gleich die nächste right. Die Russinnen ziehen glücklich schwatzend los. Sie freuen sich. Ich freue mich auch. Froh schaue ich ihnen nach.

Daheim erzähle ich die Geschichte meiner Frau. Das war die falsche Richtung, sagt sie. Gut, denke ich, schön, da kann man jetzt auch nichts mehr machen. Schon wieder eine Touristengruppe in den Untergang geführt. Aber wenigstens war ich höflich bis zum Schluss.