Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Zunächst zu den jüngsten Entwicklungen in Deutschland. Die Stadtregierung von Hannover hat mit einer "Empfehlung für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache" für Kontroversen gesorgt. Darin finden sich einige brauchbare Tipps: Auf Formularen könnte ja wirklich statt "Name des Antragstellers" nur "Ihr Name" stehen, statt "Bewerber sollten .. ." könnte es heißen: "Wer sich bewirbt, sollte .. ." Aber dass "Rednerpult" und "Teilnehmerliste" durch "Redepult" und "Teilnahmeliste" ersetzt werden müssen, ist schon merkwürdig. Richtig absurd wird es, wenn mit Rücksicht auf das dritte Geschlecht, also auf Menschen, die weder Frau noch Mann sind, der Genderstern propagiert wird - in Hannover wird er in feinstem Denglisch als "Gender-star" bezeichnet. Dieser tritt an die Stelle des Binnen-I: also "Politiker*innen" statt "PolitikerInnen". Diese Empfehlung gilt auch für Briefe, Presseaussendungen, Broschüren etc.

Weil Dortmund eine ähnliche Regelung angekündigt hatte, formierte sich im Rahmen eines ebendort angesiedelten Sprachpflegevereins Widerstand. Den "zerstörerischen Eingriffen in die deutsche Sprache" müsse Einhalt geboten werden, heißt es in einer Petition des Vereins Deutsche Sprache. Zwar könnte man dessen Aktivitäten als rückwärtsgewandt und beckmesserisch abtun, aber unter den Proponenten des Aufrufs finden sich Personen von hohem Ansehen: Zum Beispiel die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin Monika Maron oder der erfolgreiche Buchautor Wolf Schneider - er war in einigen namhaften Zeitungen Deutschlands in führender Position tätig, gründete eine Journalistenschule und lehrte dort guten Schreibstil.

Und jetzt wird es ganz absurd. Ohne diese Ereignisse nur mit einem Wort zu erwähnen, veröffentlichte der ORF am Wochenende auf seiner Nachrichtenseite eine Art Pamphlet, mit dem die Argumente gegen das Gendern entkräftet werden sollten. Zahlreiche Studien würden zeigen, dass die bekannten Einwände - "Das ändert nichts an der Realität", "Frauen sind mitgemeint", "Das ist schwer zu lesen" - ins Leere laufen: Wenn Berufe in gendergerechter Sprache bezeichnet werden, so heißt es in einer Studie, schätzen Mädchen auch männerdominierte Berufe als erreichbar ein. Aber genau deshalb ist ja per Gesetz vorgeschrieben, dass Stellen geschlechtsneutral auszuschreiben sind. Ein Argument, dass auch außerhalb von Stellenausschreibungen gegendert werden soll, ist das nicht.

Eine andere Studie würde zeigen, dass bei Texten in gendergerechter Sprache "Lesbarkeit und Textästhetik" nicht beeinträchtigt werden. Diese Studie würde ich gerne sehen. ORF-Online leitet daraus den Auftrag ab, mithilfe von Paarformen und Neutralformen zu gendern.

In der Praxis klingt das so: "Luftfahrtfachleute kritisierten, Boeing habe die Fluggesellschaften und Piloten und Pilotinnen nicht ausreichend über ein neues System gegen Strömungsabrisse informiert." Oder: "Britische Hundehalterinnen und -halter haben zusammen mit ihren Vierbeinern gegen den Brexit demonstriert." Hoppla, das Wort "der Vierbeiner" ist ja ein generisches Maskulinum! Richtig wäre:
" . . . mit ihren Hündinnen und Rüden."