Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.
Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Wir leben in einer Fettnäpfchenzeit. Allerorten lauert ein solch glibbriges, gut gefülltes Schälchen, in das man durch unvorsichtige Bemerkungen tappen kann, aber auch schlicht aufgrund beschämenden Nichtwissens. So war mir jüngst bei einem abendlichen Kneipengespräch mit universitärem Personal nicht klar, dass heute offenbar nur noch tumbe Toren von Studenten und Studentinnen sprechen. Jedenfalls wurde ich dezent, aber bestimmt darauf aufmerksam gemacht, die an einer Hochschule immatrikulierten Personen hießen heute Studierende.

Wobei mein Einwand, dabei handle es sich doch um das Partizip Präsens und damit eine Verlaufsform des Verbs - dass also Studierende eigentlich nur so heißen dürften, wenn sie sich im Vollzug des Studiums befinden, etwa wenn sie in der Bibliothek büffeln oder in der Vorlesung mitschreiben -, eher kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen wurde. Kein Wunder, waren das doch selbst Dozierende, und statt die Studierenden belehrten nun sie eben mich (insofern war die Verlaufsform in diesem Fall völlig korrekt).

Klar, die Klagen über angeblich politisch korrektes Sprechen sind Legion, aber viel schlimmer finde ich ehrlich gesagt die Tatsache, dass in ganz alltäglichen Dingen abweichende Ansichten für viele Menschen offenbar nur schwer zu ertragen sind. Der Humorist Max Goldt, der im Übrigen einer der bedeutendsten Alltagsphilosophen ist, hat schon vor vielen Jahren davon gesprochen, einer der schnellsten Wege ins "gesellschaftliche Nirwana" sei die Behauptung, gekaufte Marmelade schmecke genauso gut wie selbst gemachte. Und mit Nirwana meinte er keineswegs einen Zustand seliger Erleuchtung, sondern großer sozialer Einsamkeit. Und tatsächlich: Es funktioniert so gut wie immer, im Übrigen nicht nur bei Marmelade, sondern auch bei Weihnachtsgebäck.

Seit Neuestem hält auch das Wetter solche No-Speak-Areas bereit. Als ich zum Beispiel jüngst - wir hatten Mitte Februar und 18 Grad, plus wohlgemerkt - in der Reinigung zu bemerken wagte, ich würde mich über ein bisschen Neuschnee durchaus freuen, war die Dame kurz davor, die Annahme meiner Schmutzwäsche empört zu verweigern.

Nicht anders ist es im Sommer: Wer es wagt, nach drei Wochen eitel Sonnenschein den Wunsch nach etwas Bewölkung und Regen offen auszusprechen, wird rüde zurechtgewiesen und zum Sommerlauneverderbenden erklärt. Woher dieser fast schon pathologische Hass auf Winter und Niederschlag rührt, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe nur das leise Gefühl, dass bald nicht einmal mehr das Wetter zum unverfänglichen Plauderthema taugt. Was dann doch irgendwie bedenklich wäre.