Irene Prugger, geboren 1959, Autorin und freie Journalistin, lebt in Mils bei Hall in Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, Autorin und freie Journalistin, lebt in Mils bei Hall in Tirol.

Als ein Ex-Sportler während der vergangenen Nordischen Skiweltmeisterschaften um ein Statement zum Blutdopingskandal gefragt wurde, sagte er einen denkwürdigen Satz, der in etwa so lautete: "Es gibt Shows, bei denen schöne Frauen mit Silikonbrüsten auftreten." Ein kühner Brückenschlag, aber mit diesem Ausspruch wollte er vermutlich darauf hinweisen, dass Menschen auch in anderen Bereichen versuchen, sich mit fragwürdigen Methoden Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.

Mag stimmen, dass die Ausgestopften einen solchen Bonus genießen, ebenso wie die "Gestopften", die sich fast alles leisten können und deshalb ohnedies immer einen Wettbewerbsvorteil haben, ganz egal, in welcher Disziplin sie antreten. Abgesehen davon, dass Doping beim Wettkampfsport illegal und Schönheits-OPs auch für Teilnehmerinnen von Schönheitswettbewerben legal sind, wirft der Vergleich doch die Frage auf, welche Methoden in unserer Leistungsgesellschaft als legitim und fair anerkannt werden, um sich einen Vorteil zu verschaffen.

Ungeachtet etwa der Tsunamis, die über Teile der Welt hinwegfegen, retten sich viele im moralischen Dilemma in der Diskussion um Wettbewerbsvorteile in gottgefälliger Demut in die Denkart, alles Natürliche sei gut.

Das "Natürliche" schließt dann oft auch das "Biologische" mit ein. Blutdoping ist vermutlich hundertprozentig biologisch, wenn auch nicht natürlich. Und wenn für manche ein Silikonbusen bei einem Schönheitswettbewerb als unfair gilt, gilt das dann auch für regulierte Zähne und gefärbte Haare? Wird es demnächst für alle Körperteile Echtheitszertifikate geben?

"Schwindeln gilt nicht", sagte meine Mathematiklehrerin immer, wenn sie die Schularbeiten-Hefte austeilte. Manche taten es trotzdem, ich nicht ausgenommen. Ein schlauer Schwindler war oft anerkannter als ein braver Lerner. Gewissensbisse hatten wir kaum, galt es doch auch, ein als zu rigide empfundenes Schulsystem zu überlisten. Irgendwie wollten und mussten wir alle diese Hürde nehmen - mit bloßer Begabung, mit Fleiß, manche mit Nachhilfe, und mitunter half man eben mit unlauteren Methoden nach.

Wenn eine Schauspielerin, die offensichtlich Kundin eines Schönheitschirurgen ist, öffentlich behauptet, alles an ihr sei echt und sie habe ihre reife Schönheit ausschließlich guter Lebensführung und nahrhaften Cremes zu verdanken, ist das dann charmantes Schwindeln oder Betrug an der Öffentlichkeit, der Frauen unter Druck setzt? Und wie ist das in der sogenannten freien Wirtschaft, wo Dopingkontrollen Überraschungen zutage befördern würden?

Wenn man einer anonymen Umfrage Glauben schenken darf, dopen bis zu zehn Prozent der Führungskräfte in großen Wirtschaftsunternehmen - vermutlich nicht bloß mit legalen Substanzen. Und kaum einer würde das zugeben. Aber ob Schwindler, Hochstapler oder Betrüger, für sie alle gilt: Wer nicht erwischt wird, darf weiter unbefleckt strahlen.