Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

"Morpheus schwebt alsbald mit geräuschlos gleitenden Flügeln hin durch die Nacht", so dichtet Publius Ovidius Naso über den antiken Traumgott, der den Menschen in unterschiedlicher Gestalt erscheint (meist mit irgendeiner Botschaft einer intriganten Gottheit). Nicht nur Ovid nähert sich jenem geheimnisvollen Zustand des Abschaltens und Versinkens in ferne Welten. Keine Kultur kommt ohne Mythen zu Traum und Schlaf aus. (Wer hingegen die reale Bedeutung von Schlaf in ihrer Gesamtheit erfassen will, sollte eine Zeit lang mit einem Kleinkind unter einem Dach leben. Aber das ist ein anderes Thema.)

So beunruhigend die Idee sein mag, dass ein Traum-Dämon durch das Schlafzimmer flattert, so überholt ist sie. Dank jahrzehntelanger Schlafforschung wissen wir, dass weder Morpheus noch dessen Brüder Phobetor (erscheint als Tier) und Phantasos Oneiroi (erscheint als Naturgewalt) am Werk sind. Sondern dass Gehirnwellen die Schlafzustände regulieren. Darunter auch den begehrten Tiefschlaf.

Auch diese Forschungsergebnisse sind aber nicht die ganze Wahrheit. Bestimmt doch den Schlaf des modernen Menschen zunehmend etwas anderes: das Smartphone. Um mit Chuck Palahniuk ("Fight Club") zu sprechen: "George Orwell lag daneben. Big Brother beobachtet dich nicht die ganze Zeit. Er singt und tanzt und zieht Hasen aus dem Hut. Er fesselt deine Aufmerksamkeit in jedem Moment, in dem du wach bist."

Es entspringt der Logik der klugen Gerätschaften, dass sie mit dem Schlaf ihrer Nutzer wenig Freude haben. Selbst wenn Menschen heute im Schnitt weniger schlafen als noch vor 50 Jahren und diese zusätzliche Wach-Zeit direkt in Social-Media-Aktivitäten fließt. Es bleiben fünf bis sechs Stunden, in denen sich die Gerätschaften auf der Kommode langweilen. Jedoch: Auch für diese Problematik weiß die Technik eine Lösung. Gerade sind Smartphones drauf und dran, auch noch die Schranke des Schlafes zu durchbrechen: Fitness-Apps zeichnen Atmung und Gehirnwellen auf, notieren, wie oft wir uns im Schlaf drehen und legen bei Bedarf einen Geräuschteppich, um uns beim Ein-, Tief- oder Durchschlafen zu unterstützen.

Seit Kurzem experimentiere ich mit verschiedenen Geräuschkulissen. Derzeit schlafe ich bevorzugt zu Dschungelregen ein. So kam es, dass ich unlängst im Traum durchs Meer schwamm und einer Wasserschlange begegnete. Gerade setzte das Geschöpf zu sprechen an, als ich jäh geweckt wurde. Mein Sohn stand neben dem Bett und verlangte nach Wasser. Keine Ahnung, ob Morpheus, Phobetor oder die App mit den Geschehnissen im Traum etwas zu tun hatten. Fest steht: Die Botschaft habe ich jedenfalls verpasst. Und einschlafen konnte ich auch nicht mehr.