Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Haben Sie das mitbekommen? Es war ja wirklich verwunderlich. Mit so etwas hat man eigentlich nicht mehr gerechnet. Wie sich alle aufgeregt haben. Von Nordamerika über Europa bis Australien sind die Leute da gestanden und haben gesagt:

"Ich distanziere mich von diesem mörderischen Treiben! Das ist ein Verbrechen! Ich bin zwar kein Rassist, nicht einmal Australier, ich war auch noch nie in Neuseeland, ich hab nur ,Herr der Ringe‘ gesehen, aber ich versichere allen muslimischen Mitbürgern, die sich jetzt allein wegen ihrer Religion bedroht fühlen, mein tiefstes Mitgefühl. Und meine Solidarität. Denn nur, weil ich weißer Hautfarbe bin und keine Verwandtschaft habe, die an Allah glaubt, bin ich kein besserer Mensch. Und ich möchte schon gar nicht, dass andere, die anders aussehen und an etwas anderes glauben, abgeschlachtet werden. Kurz gesagt: Nicht in meinem Namen und nicht mit mir!"

Und dann diese stundenlangen Kundgebungen der Menschen, um ihre Trauer auszudrücken. Und wie die Boulevard-Medien sich ausschließlich um die Opfer gekümmert haben, um deren unschuldiges Leiden in den Focus zu rücken. Beeindruckend. Kein Wort über den Täter.

Und erst recht die Wiener, wie sie gesagt haben: "Wir lassen uns den Graf Starhemberg und die Türkenbelagerung doch nicht von einem Fitnesstrainer wegnehmen! Außerdem ist das über 300 Jahre her! Wir leben mit unseren muslimischen Mitbürgern gut zusammen. Außerdem sind wir oft genug mit Australien verwechselt worden!"

Sonst hätte man vielleicht mit ein paar lauen "Wir sind alle total schockiert"-Worthülsen gerechnet, aber nicht diesmal. Da ist es einem richtig kalt über den Rücken runtergelaufen, man hätte heulen können, angesichts dieser Welle der Menschlichkeit.

Und wie dann noch herausgekommen ist, dass dieser rassistische Mörder nicht nur in Bulgarien, in Bosnien und sonst wo war, sondern auch in Österreich. Wie sich unsere Politiker hingestellt haben und gesagt: "Egal, welche Religion, das sind unsere Mitbürger, Freunde, Nachbarn, Kollegen, Lebenspartner! Wir lassen es nicht zu, dass die einfach von einem gewaltverherrlichenden Aussie über den Haufen geknallt werden!" Hätte man denen gar nicht zugetraut.

Und wie stolz uns das doch gemacht hat, dass die Vertreter von Medien und Politik nicht mehr das Spiel der gegenseitigen Schuldzuweisungen mitspielen, sondern ehrlich, aufrichtig und glaubhaft zur Mäßigung der politischen Debatte aufgerufen haben. Allein aus der Vernunft heraus. Damit keine fanatischen Scharfmacher in der Türkei, im Internet oder anderswo aus so einem Massaker eines narzisstisch gestörten Aggressionsjunkies ihr Propagandasüppchen kochen können.

Und wie beruhigend das doch war, dass in unseren Breiten die Aufklärung noch die Oberhand hat. Weil man eben begriffen hat, dass die Erhitzung der Gemüter nur den nationalistischen und den islamistischen Fanatikern in die Hände spielen.

Und - das Beste - haben Sie das mitbekommen, wie keiner das Killer-Video sehen wollte? Wie alle nur angewidert waren von dieser Terror-Pornografie? Weswegen ja auch die sozialen Netzwerke dieses Machwerk radikal gelöscht haben.

Haben Sie das mitbekommen? Nein? Kein Wunder. Ist ja auch nicht passiert.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

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glossenhauer