Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Unlängst gönnte ich mir ein verlängertes Wochenende in einem Hotel, das vor allem Kurgäste beherbergt. Als Lektüre hatte ich ein Buch dabei, das ich zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte: "Der schöne Mann" von Walt Whitman, erschienen 1858 als Sammlung von 13 Kolumnen. Darin beschreibt der Autor, der als Begründer der modernen amerikanischen Dichtung gilt, was Männer tun sollten, um sich einen gesunden und schönen Körper zu erarbeiten und diesen zu bewahren.

Das Rezept in geraffter Form: Morgens früh aufstehen, ein flotter Spaziergang an der frischen Luft, sodann ein Frühstück aus trockenem Brot, ein wenig halbrohem Fleisch und allenfalls einer Tasse abgekühlten Tees. Schinken oder Bratkartoffel, "wie man sie oft auf der Frühstückstafel von Logierhäusern und Restaurants findet", seien unbedingt zu meiden. Danach, so sich nicht lästige Berufsarbeit dazwischen drängt, eine Reihe von Übungen für den Oberkörper, am besten mit Gymnastikkeulen oder im Ruderboot; sodann eine Ruhepause und daraufhin ein einfaches Mittagsmahl mit viel frischem Fleisch. (Mit Grauen zitiert der Autor aus der "Speisekarte eines beliebigen Hotels": In langen Reihen seien darauf Speck, Torte, Pudding, Kaffee und Branntwein zu finden.) Am Nachmittag folgt zur Kräftigung der Beine ein weiterer Spaziergang oder "längeres Umherhüpfen" und zum Abendessen gibt’s Obst, kaltes Fleisch und Zwieback. Anschließend geht es beizeiten ins Bett.

Meine Tage im Kurhotel begannen recht ähnlich: Früh aus dem Bett und Gymnastikübungen vor dem offenen Fenster. Zum Frühstück Brot, Butter und frisches Gemüse - der Kaffeemaschine stattete ich allerdings regelmäßig einen Besuch ab. Sodann ein ausgedehnter Spaziergang, danach ein Mittagessen unter Weglassen der Nachspeise. Das "längere Umherhüpfen" am Nachmittag ließ ich zwar bleiben, erkundete dafür jedoch die nahegelegenen Wanderwege. Am Abend allerdings ließ ich mich ab und zu gehen: Da genehmigte ich mir mitunter einen - wenig angeratenen - Schokoladepudding oder ein (ebenso abzulehnendes) Stück Kuchen, da ich mich ja tagsüber wohl verhalten hatte. Der Tagesabschluss war wiederum durchaus im Sinne Whitmans: Die Nachrichten im Fernsehen, ein paar Seiten aus seinem Buch - und Licht aus.

Mit dem "Schönen Mann" kam ich erst nach meinem Kurzurlaub zu Ende. Das Werk wäre eine durchaus witzige und interessante Sammlung medizinischer Ratschläge, wenn nicht recht bald – und in der Folge immer wieder – Whitmans Gedanken betreffend die "überlegene Rasse" auftauchten. An einen Satz, den der Autor ausdrücklich dem Frühstücksbuffet gewidmet hat, musste ich allerdings jeden Morgen denken. Das Hotel bot eine breite Auswahl – von Paprika, Paradeisern und Gurken bis zu Wurst, Schinken, Käse und Eierspeise, so viel man wollte. Whitman dazu: "Die große Kunst liegt in dem, was man vermeidet und was man sich selber versagt." Das stimmt.