Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Immerfort werden rote Linien gezogen. "Das sind die roten Linien der EU beim Brexit!" So titelte eine Tageszeitung. Ein anderes Medium schrieb: "Theresa May und Jeremy Corbyn streiten über rote Linien." Ein deutscher TV-Sender folgerte: "Rote Linien überall!"

Auch in der österreichischen Politik werden rote Linien gezogen. Als Sebastian Kurz im Jänner des Vorjahres in der ARD-Talkshow "Maischberger" zum Verhältnis mit der FPÖ befragt wurde, sagte er: "Es gibt rote Linien, die aber nicht nur gegen Rechts, sondern auch gegen Links gehen." Im ZDF spezifizierte er: "Eine Grenze für jeden - für mich, für Sie, für jeden Politiker und Journalisten - ist das Strafrecht, sind gesetzliche Regelungen." Österreich habe ein sehr strenges Verbotsgesetz. "Darüber hinaus gibt es schon noch so etwas wie Meinungsfreiheit, und das ist gut so."

Rund ein Jahr später und nach der Spende des Attentäters von Christchurch an die Identitären, zog Kurz die rote Linie so: Die FPÖ müsse jede Verbindung zu den Identitären lösen. "Ich dulde keinen schwammigen Umgang mit Rechtsextremen." Die Reaktion der FPÖ war für ihn ausreichend.

Es gibt also imaginäre Grenzen, die signalisieren: Bis hierher und nicht weiter! Woher stammt der Ausdruck, der heute in der Politik und im Journalismus so beliebt ist? In den auf Redewendungen spezialisierten Wörterbüchern, die in meinem Regal stehen, ist sie nicht zu finden. Nicht einmal das Online-Wörterbuch des "Duden" kennt die rote Linie. Die Wendung muss also recht jung sein. Der älteste bisher aufgefundene Beleg stammt aus dem Jahr 1968: Er findet sich in der "Zeit" in einer Replik auf den Sechstagekrieg.

In den USA bedeutet "to redline" etwas anderes: Die Stelle eines Textes rot markieren, als Zeichen, dass dort korrigiert werden muss. Banken und Versicherungen versehen auf ihren Karten bestimmte Gebiete mit einem roten Kreis, als Zeichen, dass dort keine Verträge abgeschlossen werden dürfen. Meist sind es Stadtteile mit einem hohen Anteil von Afroamerikanern - die Praxis hat also einen rassistischen Aspekt, "to redline" bedeutet "ausgrenzen". Wer in einem dieser Viertel wohnt, bekommt keinen Kredit und keine Versicherung - nur aufgrund der Adresse.

Die Wendung dürfte irgendwann ins Deutsche gelangt sein - mit einer veränderten Bedeutung, bei uns gibt es ja kein Redlining. Wir verstehen unter der roten Linie eine Grenze, deren Überschreitung bedenklich ist, ja sogar ein gesellschaftlich-politisches Tabu darstellen kann. Vielleicht hat US-Präsident Barack Obama die Wendung mit der neuen Bedeutung befördert, weil er 2012 dem syrischen Staatschef Assad mit Konsequenzen drohte, "falls er die rote Linie überschreiten und chemische Waffen einsetzen sollte".

Die Wendung kam auch deshalb gut an, weil ähnliche Ausdrücke mit der Farbe Rot gängig sind. Im Film "Pulp Fiction" sagt Vincent: "Es gibt eine Grenze für Beleidigungen, die ich ertragen kann. Na gut, ich bin jetzt ein verdammter Rennwagen . . . ja .. . und du hast mich im roten Bereich . .. ich sage nur, dass es verflucht gefährlich ist, einen Rennwagen im roten Bereich zu fahren, das ist alles. Ich könnte explodieren."

Robert Sedlaczek ist
Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.