Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.
Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

Am Tresen im "Dorfstüberl" sitzt ein Mann mit finsterem Gesicht vor einem "Glas heller Freude", auf der Terrasse sind die Stühle verkehrt herum auf die Bänke gestellt, die Sonnenschirme zugeklappt. Heute ist das Wetter schlecht, man muss ins Innere ausweichen. Angesichts der Größe der Räume und der Massivität der Einrichtung mit ihren wuchtigen Tischen und Stühlen wundert man sich über die Verkleinerungsform des Namens - wie ein "Dorfstüberl" schaut das hier nicht aus.

Daneben im großen Saal riecht es wie in einer Selchküche, aber nicht vom Speck, sondern weil dieser Raum für die Raucher bestimmt ist. Das kleine Separee für die Nichtraucher ist nur durch eine Glastür abgetrennt, die nicht einmal ordentlich schließt, aber immerhin ist es ein Rückzugsort mit etwas besserer Luft, zusätzlich erfrischt von einem Riechstoffverbreiter in Baumform mit Tannennadelaroma.

Ein Blick auf die Speisekarte zeigt, dass das einstmals urige Dorf mit den vielen Bauernhöfen, die zum Teil würfelförmigen, grau gestrichenen Neubauten gewichen sind, auch eine kulinarische Modernisierungsphase durchgemacht hat. Statt Beuschel, Hauswurst oder Gulasch gibt es zwei Seiten zum Thema Pizza, aber der Mann, der die Bestellungen aufnimmt, ist trotzdem kein Italiener, sondern vermutlich türkischer Abstammung. Freundlich bedient er uns, bis ein zweiter Mann - vermutlich der türkischstämmige Koch - aus der Küche kommt und uns ebenso freundlich mitteilt, dass ihm leider die Meeresfrüchte für die mediterrane Pizza ausgegangen sind.

Es ist ja auch wirklich keine gute Idee, in einem rustikalen Dorfstüberl mitten in den österreichischen Alpen eine mediterrane Pizza zu bestellen, aber der Regen draußen vor der Tür hat uns sehnsüchtig an den Süden denken lassen. Woran der Mann am Tresen denkt, der inzwischen ein weiteres Glas heller Freude konsumiert, ist nicht nachvollziehbar, seine Stimmung hat sich jedenfalls nicht aufgehellt. Dorf-Dumpfbacke, sind wir geneigt zu denken, und überhaupt scheint uns das alles hier ziemlich trist. Die Gastwirte haben unser Mitgefühl: Wie sollen sie hier nur überleben mit ihrem Betrieb?

Aber plötzlich trudeln nach und nach weitere Gäste ein. Offenbar ist eine Gemeinderatssitzung anberaumt. Die Truppe zeigt sich inhomogen: Männer mit Anzug, Männer in Lederhose und mit Gamsbart am Hut, Frauen im bequemen Alltagsoutfit und Frauen mit elegantem Kostüm, Jung und Alt gleichermaßen vertreten. Der Mann am Tresen, den wir insgeheim als Dorf-Dumpfbacke abgeurteilt haben, entpuppt sich als Stammgasturlauber und äußert mit holländischem Akzent ein paar geistreich-philosophische Bonmots gegenüber dem Bürgermeister, der humorvoll kontert.

Plötzlich können wir uns vorstellen, dass hier das Dorfleben noch intakt ist. Die Pizza mit Schinken, Champignons und Artischocken schmeckt uns auch. Und am Schluss wird sogar noch gratis türkischer Mokka serviert.