Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Die Zukunft hat gerade begonnen. Und zwar dort, wo man es nicht für möglich gehalten hätte: im Burgenland. Nein, keine Angst, Hans Peter Doskozil möchte sich nicht klonen lassen, und es wurde auch kein CO2-emissionsfreier Treibstoff aus Uhudler entwickelt. Das Ereignis ist ein spritzigeres: Die Therme Lutzmannsburg präsentiert die laut eigenen Angaben längste Virtual-Reality-Wasserrutsche der Welt.

Da darf man schon erleichtert sein. Galten doch Wasserrutschen weltweit zu Recht als die langweiligste und staubtrockenste Art der sinnfreien Freizeitgestaltung. Wasser im Allgemeinen ist ja ziemlich fad. Gut, dass man jetzt dieses extrem öde Element virtuell aufpimpen kann. Das sieht dann so aus, dass man sich eine gelbe VR-Brille aufsetzt und dann die Wasserrutsche runtersaust. Der Mensch mit der VR-Brille am Schädel sieht dann zwar aus, als hätte man ihm einen Badeschlapfen aufs Hirn gepickt, aber das ist badeanstaltsmarketingmäßig eigentlich nur konsequent. Sensationell ist auch die Auswahl der virtuellen Realitäten: Fantasy, Aliens und Dragons. Die einweihende Olympiasiegerin wählte Dragons. Auch anwesende YouTuber waren begeistert. Also, wenn das keine Expertise ist.

Wobei ich mich schon ein bisschen frage: Wozu dieser technische Aufwand? Ich kann mich gut an meinen letzten - analogen - Thermenbesuch erinnern und weiß noch, dass ich bei der Betrachtung der anderen Badegäste keinen Mangel an Drachen und Aliens verspürt habe. Und auch manche Haarpracht und der eine oder andere Körperschmuck wäre für meinen Geschmack zielsicher in die Kategorie "Fantasy" gefallen. Naja, andere brauchen scheinbar mehr davon.

Daher gehe ich auch davon aus, dass sich das virtuelle Rutschangebot noch erweitern wird.

Für glühende Europäer ebenso wie für beschränkte Briten könnte es bald das Szenario "In&Out" geben. Da rutscht man dann durch den Wasserkanal und sieht dabei, wie Großbritannien gleichzeitig innerhalb und außerhalb der EU ist, die irische Insel keine Grenze hat, es eine Zollunion gibt, die man jederzeit per Knopfdruck ein- und ausschalten kann, und Theresa May zur sympathischsten Politikerin des Kontinents gewählt wird. Crazy!

Für den deutschen Urlaubsgast könnte man das VR-Angebot "Russe & Rasse" anbieten. Hier sieht man für die Dauer der Rutsche, wie ein Abgeordneter im Bundestag stets seine Deutschlandliebe beteuert und zugleich ständig russische Interessen bedient. Und das im Einklang mit Geschäftsordnung, Grundgesetz und Geheimdienst. Dem russischen allerdings.

Und sollte einmal der Bundeskanzler persönlich kommen, gäbe es natürlich ein Top-Angebot: rosarote Brille runter, virtuelle Brille rauf, und ab in den nassen Spaß! Und schon sieht der Kanzler, wie sich die rechtsextremen Identitären von FPÖ-Mitgliedern scheiden, als ob Moses selbst die blauen Fluten geteilt hätte. Verstrickungen zerfallen, Mietverträge lösen sich auf, Spenden werden eingestellt, und dann - Platsch! - ist der Spaß vorbei. Aber dem Kanzler hat’s gefallen (dem Landeshauptmann auch). Schön war’s!

Aber jetzt zurück in die traurige, braungraue Realität.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

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glossenhauer